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Hier im Vordergrund: Eva Milner vom Elektronik-Duo Hundreds.

Jahrhunderthalle

Wenn der Funke überspringt

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Plakativ, aber auch eindrücklich: Die neue „Discovery Project“-Runde mit dem hr-Sinfonieorchester.

Nach zwei Sätzen Prokofjew könnte schon Schluss sein, findet der vom hr-Jugendsender You.fm in die Frankfurter Jahrhunderthalle entsandte Auftaktplauderer: Das Thema des Abends, „BeziehungsKiste“, sei ja erfüllt mit der Begegnung von Romeo und Julia – Beziehung – und der Szene am Grab – Kiste. Zum Glück bleibt auch in diesem Jahr das Discovery Project des hr-Sinfonieorchesters nicht so unterkomplex, wie die Anmoderation befürchten ließe. Zum zehnten Mal hat der Hessische Rundfunk Solisten und Elektromusiker zum gemeinsamen Konzert eingeladen (und für die Treue zur Jahrhunderthalle deren erstmals verliehenen „Loyalty Award“ bekommen). Diesmal sind es das für den Abend zum Trio erweiterte Elektronik-Duo Hundreds und der Schlagwerker Simone Rubino.

Für die Beziehung im zwischenmenschlichen Sinne stehen neben den Montagues und den Capulets der Prokofjew-Ballettmusik nicht völlig überraschend Leonard Bernsteins Jets und Sharks auf dem Programm, mit den sinfonischen Tänzen aus der „West Side Story“. In Tan Duns „The Tears Of Nature“ für Orchester und Schlagzeug geht es um die Beziehung Mensch-Natur. Dazwischen immer wieder Elektropop der Hundreds, mit und ohne Orchesterergänzung.

Im Hintergrund zeigen Bildschirme und ein Pixelwürfel verfremdete Fotos und Bildschirmschoner-Plasmawolken, mal von schlichter Schönheit, mal ein bisschen banal. In den gelungensten Momenten, wie bei Tan Duns fragilen Naturbeschreibungen, gehen Bild und Klang kongeniale Verbindungen ein – auch eine Beziehung, um die es an diesem Abend geht.

Das hr-Sinfonieorchester, hier geleitet von Elim Chan, hat man schon differenzierter gehört, dann allerdings unverstärkt. Aber das sind zu vernachlässigende Verluste angesichts der Vielzahl frappierender Eindrücke. Die entstehen etwa, wenn die Sequenzer-Minimalistik der Hundreds und Eva Milners schwebende Stimme sich mit der Fülle des Orchesters vermengen wie im Song „Wilderness“ oder in technoide Synthesizer-Schlachten münden („Rabbits on the Roof“). Die Spannung zwischen Elektropop und Orchesterwerken ist die stärkste am voltstarken Abend, manches bleibt unverbunden. Umso kräftiger zischt es, wenn die Funken überspringen. Zum Beispiel, als auf das süffige Bernstein-„Somewhere“ erst das perkussive „Please Rewind“ der Band folgt und die Sinfoniker dann bei „Aftermath“ dazustoßen.

Die Einsätze des Schlagwerkers zum Orchester und sein Solo „Rebonds B“ von Iannis Xenakis zeigen neben musikalischer Virtuosität auch eine athletische Komponente. Simone Rubino tobt durch seine Aufbauten, bleibt bei allem Tempo und aller Vehemenz aber locker und lässig.

Mit Astor Piazzollas großartigem „Libertango“ beenden Orchester und Solist das Konzert. Als Zugabe folgt „Beehive“, mit Band, Orchester und Rubino. So endet ein manchmal etwas plakativer, aber eindrücklicher Abend. Verwunderlich nur, dass es zwar ein Video auf hr-sinfonieorchester.de gibt, aber anscheinend keinen TV-Sendetermin. Sollte zwischen „Dings vom Dach“ und „maintower Kriminalreport“ tatsächlich kein Platz mehr sein für das aufwändig gefilmte Konzert?

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