Alte Oper Frankfurt

Welträumliches

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Das Ensemble Modern spielt Werke von Harrison Birtwistle und Andrea Lorenzo Scartazzini.

Tofu-Musik als Begriff einer Stilrichtung gibt es in der Neuen Musik nicht. Aber er könnte passend sein für Harrison Birtwistle, den heute 84-jährigen britischen Komponisten, der wie seine Kollegen Peter Maxwell Davies und Alexander Goehr als New Music Manchester eine Art neue Musik kreiert hat, die weder Fisch noch Fleisch ist, aber doch recht gut schmeckt. Ein Zwischenprodukt, das sowohl den traditionellen musikalischen Fleischessern als auch den Vegetariern und Veganern bekömmlich sein sollte. Konsensuell auf jeden Fall ist diese Ästhetik: ganz britischer common sense.

Zwei Werke aus Birtwistles Produktion mittels alter Gestaltungsweisen und neuen Verarbeitungen bot das Ensemble Modern-Konzert im Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt, wo die Musiker in etwas größerer Besetzung als sonst auftraten und sich aus diesem Anlass Ensemble Modern Orchestra nannten.

Birtwistles Klanggestaltung bietet viele und heftige Schallbewegungen, die immer in einer festen Rahmen-Form verbleiben. Hochdynamisch und treibend ist der Verlauf in dem halbstündigen „Secret Theatre“ von 1984, wo die Musiker je nach solistischer Aktivität sich zu stehenden Gruppen gegenüber dem Tutti versammeln. Besonders eindrücklich und komplex gelingen Birtwistle jederzeit rhythmische Partien, und farbig sind die wenigen, ganz ruhigen, stimmlich reduzierten. In der artikulatorischen Mitte aber, wo Melodiebögen im polyphonen Geschehen verschlungen sind, staut sich der Prozess tendenziell zur Verklumpung, Blockhaftigkeit und Starre.

Das war auch bei „In broken Images“ von 2011 so, wo die tradierten Idiome und Formate noch deutlicher hervortraten als bei „Secret Theatre“. Jedenfalls waren die Geschmacksstoffe dieses Werks so geschickt gewählt, dass man tatsächlich manchmal nicht wusste, ob das Ganze ein deutlich die Ohren traktierender Avantgardismus oder lediglich ein sich dessen Mimikry bedienender Traditionalismus war.

Zu Beginn des Konzerts hatte man „Kassiopeia“ aus dem Jahr 2008 von Andrea Lorenzo Scartazzini aufgeführt. Der Titel ließ an Welträumliches denken, war aber nur als visueller Bezugspunkt gemeint: das charakteristische Sternbild als eine Anregung für kompositorische Vorstellungen. Die Umsetzung war ganz unsphärisch: körnig, hart und punktuell. Ein Blick in eine akustische Milchstraße mit zahllosen Klopf-Impulsen und manchem plosivem Ausbruch, die ebenso hart wie schneidend, unwirtlichen und attackierenden Reiz hatte. Der juvenil wirkende, 60-jährige Paul Daniel dirigierte die famosen Ensemble Modern-Musiker vehement und souverän.

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