Berliner Festival Ultraschall

Welten im Ungefähren

Im Zentrum des Festivals "Ultraschall" in Berlin steht die 2009 uraufgeführte Oper "Aura" des spanischen Komponisten José-Maria Sánchez-Verdú. Regie führte Susanne Oeglaend. Von Jürgen Otten

Die Frage ist so alt wie das Festivalwesen selbst, stellt sich aber immer wieder: Entsteht eine programmatische Einheit aus sich selbst heraus, ist sie also das Ergebnis einer dramaturgischen Überlegung, die auf Themengebundenheit setzt?

Oder ergibt sich diese Einheit erst durch eine betonte Vielheit an ästhetischen Positionen, ist sie also gleichsam das Ergebnis eines glückhaften dialektischen Prozesses? Konsequent verfolgt, führen beide Wege mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Ziel: zu einer griffigen, gleichermaßen komplexen wie konzisen Werkschau.

Der Weg jedoch, den das Festival für neue Musik "Ultraschall" geht, führt eher in die Verwirrung. Als Veranstalter firmieren Deutschlandradio Kultur und das rbb Kulturradio. Damit endet die Gemeinsamkeit. Was Adorno in seiner Ästhetischen Theorie über das Kunstwerk sagte, dass es ein System von Unvereinbarkeit sei, gilt konzeptionell und ideell für "Ultraschall": Da ist eine Vielheit, die nach Einheit gar nicht verlangt.

In deren Zentrum - auf diese geographische Determinante konnte man sich immerhin einigen - stand die 2009 uraufgeführte Oper "Aura" des spanischen Komponisten José-Maria Sánchez-Verdú in der Regie von Susanne Oeglaend.

Grundlage des Werks, das in der Berliner Volksbühne zu sehen war, ist eine Novelle von Carlos Fuentes: Der Historiker Felipe kommt in das Haus einer Generalswitwe, um den Nachlass ihres verstorbenen Gatten aufzuarbeiten, begegnet dort deren Nichte Aura, verliebt sich in diese und verliert den Boden unter den Füßen. Was Realität ist, was Fiktion, was Welt und die Vorstellung von ihr, verschwimmt so sehr ineinander, dass niemand mehr weiß, in welcher Sphäre er sich gerade befindet.

Sánchez-Verdú hat dazu Musik komponiert, der das Vage und Fließende eingeschrieben ist. Und er hat gemeinsam mit dem Experimantalstudio des SWR ein neues Instrument entwickelt: das aus zwei Tamtams sowie drei Gongs bestehende Auraphon, das durch die Stimmen der Sänger oder instrumentale Bewegungen in Resonanz versetzt wird - und so zum eigenständigen Bühnenakteur.

Dessen Klangbild weist, wie die gesamte Partitur, ins Ätherische. Eine Stunde dämmert und schwebt und fliert die Musik vor sich hin, ist sie fragiles, zart verästeltes Gebilde, nurmehr Andeutung einer Form: raunende, ungefähr klingende Welt, Schleier der Illusion. Gerade darin liegt das Problematische von "Aura": Zwar besitzt diese Musik das Potenzial des Irisierenden und Insistierenden, gelangt aber über das (obsessive) Illustrieren von (obsessiven) Befindlichkeiten letztlich kaum hinaus.

Als gestaltgebende Kraft kann sie kaum wirksam werden, weil sie sich selbst nicht preisgibt. Weil auch die Akteure auf der Bühne von Mascha Mazur in gleicher Weise verfahren, entsteht eine Doppelung, die rasch ermüdend wirkt, weil sie das Symbolische bemüht, dabei jedoch inkonsistent anmutet. Jede Geste ist aufgeladen; selbst das Hinunter- und Heraufgehen auf der Treppe, die als Hauptspielfläche dient, will immer den absoluten Ausdruck, noch der kleinste Schritt ein Geheimnis, mystisch umweht.

Auch im Surrealen liegt Kontur. Hier aber ist sie verwischt, erhöht ins rein Artifizielle, wo die Geschichte mehr und mehr zerstäubt. Sowohl die hochkonzentriert zu Werke gehenden Musiker vom Kammerensemble Neue Musik Berlin als auch die formidablen Sängerdarsteller Sarah Maria Sun in der Titelrolle, Truike van der Poel (Consuelo) und Andreas Fischer vermögen dieser (inszenierten) Zersplitterung entgegenzuwirken.

Eine Zersplitterung spannenderer Art hat Mathias Spahlinger mit "akt, eine treppe heruntersteigend" auf Duchamps gleichnamiges Bild von 1912 komponiert. Das Opus, erstmals seit seiner Uraufführung 1998 wieder erlebbar (in einer konzentrierten Aufführung mit dem Rundfunksinfonie-Orchester Berlin unter Johannes Kalitzke) ist ein Beleg dafür, dass man die theoretische Beschäftigung mit einem musikalischen Phänomen ins Sinnhafte und Sinnliche zugleich übertragen kann.

Spahlinger geht es darum, Tonhöhen in kontinuierlicher Bewegung in Stufen aufzuteilen. Mit einer Akribie, die ihresgleichen sucht, beschreibt das Orchesterstück diesen Weg der Aufteilung und bildet sich, wie eine Zelle, daraus wieder neu. Ein Stück, welches seine Einheit zugunsten Vielheit suspendiert, um daraus eine andere Einheit zu gewinnen.

Von dieser Sorte Musik gab es bei "Ultraschall" wenig, Ausnahmen bildeten etwa Paul-Heinz Dittrichs "Klaviermusik V" in einer grandiosen Interpretation durch den Pianisten Frank Gutschmidt sowie Fabián Panisellos Konzert für Doppeltrichter-Trompete mit dem famosen Marco Blaauw als Solisten. Ansonsten war viel Routiniertes dabei (Stücke von Murail, López López, Francesconi), oder Hypopsychedelisches wie Marcelo Toledos Kammeroper "La selva interior".

Selbst ein Großmeister wie Dieter Schnebel, dem man zum 80. Geburtstag eine Hommage en miniature darbot, blieb blass. Zunächst verlor er sich in seinen "Kafka-Dramoletten" ins Anämisch-Konstruierte, beinahe Banale, dann wurde sein schubertisch getünchtes B-Dur-Quintett von den neoexpressionistisch gefügten drei "Fremden Szenen" von Rihm aus dem Saal gefegt - hinreißend existenziell gespielt vom Boulanger Trio.

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