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Pappano, Jansen, das Orchester.

Alte Oper

Alte Oper: Welch Duft, Farbe, Entzücken, Pracht und Reiz!

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Janine Jansen und das Chamber Orchestra of Europe in der Alten Oper Frankfurt.

Die Musik ist von aller Schwere befreit. Das Pathos verwandelt sich in ein Filigran. 1870 komponierte Richard Wagner nach Motiven aus dem dritten Teil seiner Ring-Tetralogie das „Siegfried-Idyll“, ein Meisterwerk en miniature, zumindest in der Urfassung für Kammerorchester. Zu Cosimas Geburtstag wurde es vor dem Haus der Wagners in Triebschen uraufgeführt. „Abermal ,ein Wunder! ein Wunder!‘ liebster Richard“, schrieb Cosimas Vater Franz Liszt dazu. „In dieser tausendblättrigen Blume, welch Duft, Farbe, Entzücken, Pracht, Reiz, holdselige Frommheit und wonnige Kunst!“

Aufs Minimum reduziert: Chamber Orchestra of Europe

In der Alten Oper Frankfurt wirkt die Bühne des Großen Saals geradezu karg und leer. Alle Orchester-Stimmen sind bloß solistisch besetzt. Das aufs Minimum reduzierte Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von Sir Antonio Pappano gelingt dabei die besondere Gratwanderung, sich auf radikale Transparenz einzulassen und gleichzeitig die ganze sinfonische Kraft quasi subkutan mitzudenken. Es ist erstaunlich zarte, von einem feinen Beziehungsnetz zusammengehaltene Musik, die stille Größe gewinnen kann und dennoch nie, wie so oft bei Wagner, auf Überwältigung aus ist. Gerade zum Schluss hin ist das Spiel der Orchestersolisten enorm klangschön und genau austariert. Ein Spiel der Farben, das in seiner Brüchigkeit fast dem Impressionismus vorgreift und jedem gängigen Wagner-Klischee zuwiderläuft.

Janine Jansen ist die Solistin

Auch später, in den „Slawischen Tänzen“ Antonín Dvoráks, vor allem aber in Karol Szymanowskis Konzert für Violine und Orchester, spürt man, wie genau Pappano und das Chamber Orchester of Europe ihre Partituren erarbeiteten. Ein flirrendes, surreales Werk, 1916, also mitten in einer Zeitenwende, entstanden, als die Welt von gestern fast über Nacht ihre Gültigkeit verlor. Auf 25 Minuten verdichtet, komponiert Szymanowski, Pionier der polnischen Moderne, ein unerhörtes Kaleidoskop, in dem das Ausloten verschiedenster Klangfarben sehr viel wichtiger ist als die Motivarbeit alter Schule. Und zugleich macht Janine Jansen als Solistin in jeder Sekunde klar, wie viel hier verhandelt wird. Der Ton, den sie ihrer Stradivari von 1707 abringt, ist enorm angespannt, voll Furor und Sprengkraft.

Dabei besitzt die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete niederländische Geigerin eine außergewöhnliche Präsenz. Technisch ist die 40-Jährige vollkommen überlegen, sie kann förmlich alles, ihre Cadenza etwa ist von atemberaubender Schönheit und Tiefe. Aber sie kann das inzwischen auch auf den Punkt fokussieren, das Wichtige vom Unwichtigen trennen. Getragen wird sie von einem diesmal riesenhaft besetzten, aber im Klang völlig ausdifferenzierten Orchester. Ein seltener Glücksfall, für den alle Beteiligten mit langem Applaus bedacht wurden.

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