Traditionspflege

Weißt du, wie viel Väter singen

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Ein Versuch, Wiegenlieder wieder bekannt zu machen: Es gibt ein neues Buch mit Noten und Mitsing-CD, und es gibt eine CD-Sammlung mit Sängern wie Christoph Prégardien oder Peter Schreier. Von Hans-Jürgen Linke

Vielleicht ist es eine hübsche Idee, wieder mehr Wiegenlieder zu singen. Und wahrscheinlich ist es eine zutreffende Feststellung, dass das Singen von Wiegenliedern zu den aussterbenden Sozialpraktiken gehört. Dafür gibt es mannigfache Gründe, die zusammen einen dieser wundersamen Teufelskreise bilden, dessen Komponenten sich gegenseitig verstärken und perpetuieren: Weil es zwischen Kindern und Eltern immer seltener zum Wiegenliedgesang kommt (nebenbei soll es auch dem traditionellen Weihnachtslied zurzeit nicht gut gehen), leidet infolgedessen die Selbstverständlichkeit des Singens außerhalb von Casting-Shows, und das Wiegenlied-Repertoire wird kleiner - und umgekehrt. Und so fort.

Es gibt sicher auch einen engen Zusammenhang dieser Diagnose mit der gegenwärtigen Medienwelt und der Tatsache, dass Gesang eher elektronisch ins Haus kommt und nicht im Haus hergestellt wird, und dass zum Einschlafen auch eher eine Wiegenlieder-CD - wenn nicht etwas ganz Anderes - als ein textunsicherer väterlicher Bariton erklingt. Man kann das falsch finden, Grund dafür wäre ein emotionaler, wenn nicht sentimentaler; im engeren Sinne rationale Gründe für das Singen von Wiegenlieder gibt es leider nicht. Im südwestdeutschen Raum ist jetzt ein Projekt hörbar geworden, das das Singen von Wiegenliedern neu beleben will. Es gab im Dezember ein Wiegenlieder-Benefizkonzert in der Stuttgarter Staatsoper, und es gibt ein schön (und angemessen sentimental) gestaltetes Wiegenlieder-Buch mit Texten und Noten und eingelegter Mitsing-CD, und es gibt eine Wiegenlieder-Sammlung auf CD, in der Sängerinnen und Sänger wie Angelika Kirchschlager, Christoph Prégardien oder Peter Schreier mehr oder weniger bekannte und kunstvolle Wiegenlieder interpretieren, und es wird bald eine weitere CD mit einem weiteren Repertoire geben.

Vielleicht lässt sich der Teufelskreis ja so aufbrechen: Indem Voraussetzungen geschaffen werden, das Material wieder bekannter und populärer zu machen. Vielleicht haben wir hier auch nur eine weitere CD, die man den Kindern zum Schlafengehen auflegen kann, und Mutters Alt und Vaters Bariton müssen sich nicht mit den Stimmen der Profis messen.

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