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Familientableau mit unerwünschtem Besuch: Am Tisch der Drache und Lanzelot (r.), dazwischen die gar nicht frohe Elsa. Candy Welz

Oper Weimar

Der Drache ist tot, es lebe der Drache

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In Weimar ist Paul Dessaus seit fast fünfzig Jahren nicht mehr gezeigte, grandiose Oper „Lanzelot“ zu sehen.

Paul Dessaus Oper „Lanzelot“ wurde vor fünfzig Jahren in der DDR uraufgeführt und stellt damit ein für Außenstehende besonders interessantes Beispiel von unverdrossener Inanspruchnahme künstlerischer Freiheit dar. Das Libretto von Heiner Müller und Ginka Tscholakowa auf ein so genanntes Märchen von Jewgeni Schwarz – im belagerten Leningrad als Parabel gegen den Faschismus geschrieben, aber im Stalinismus logischerweise unterdrückt – muss atemberaubend gewirkt haben in der Darstellung eines heillos verkrusteten, optimistisch heitere Anpassung fordernden und trotz alltäglicher Demütigungen und willkürlicher Gewalt weithin akzeptierten Gesellschaftssystems.

Alle haben sich eingerichtet und schauen, wo sie bleiben, zumal Dankbarkeit gegenüber dem alleinregierenden Drachen am Platze ist. Er hat den Ort einst von der Cholera befreit, indem er mit dem ihm natürlich zur Verfügung stehenden Feuer das Seewasser abkochte (wie Sie sehen, ist das Märchen ziemlich vernünftig und logisch).

Dass sich ihm nun anständige Katzen und revolutionäre Arbeiter vom Untergrund aus entgegenstemmen – denn ganz alleine kann Held Lanzelot den totalitären Drachen nicht besiegen –, wird den Wiedererkennungseffekt kaum geschmälert haben, im Gegenteil. Indem die DDR als totalitäres System gezeichnet wird – nicht ohne dass auch der Kapitalismus in hysterischen Shopping-Szenen auf die Mütze bekommt, was das Systemüberschreitende des Totalitarismus nur noch mehr hervorhebt –, erklang auf diese Weise zwanzig Jahre vor der Wende der Ruf nach einer zweiten Revolution. Dreißig Jahre nach der Wende ist er immer noch gut zu hören, dieser Tage wird vielleicht vor allem das Misstrauen in Wort und Text gegen arg primitive Demagogen und die ihnen ohne Rücksicht auf Verluste folgenden Menschenmengen achten. Mit Verlusten sind natürlich die Verluste anderer gemeint.

Die Musik von Dessau bewegte sich in ihrer aufwendigen Collagetechnik zudem am Rande des Formalismus-Verdachtes entlang. Angesichts der offiziellen Achtung für den hochdekorierten Komponisten, der 1969 seinen 75. Geburtstag feierte, wurde das Problem „Lanzelot“ offenbar durch schlichtes Dann-nicht-mehr-Aufführen gelöst. Nach 1972 verschwand das Werk vollständig. Eine Schallplattenaufnahme entstand nicht (anders als von anderen Dessau-Opern), es gibt keine gedruckte Partitur. Dirigent Dominik Beykirch, seinerseits Jahrgang 1990 und 1. Kapellmeister am Nationaltheater Weimar, war auf eigene Quellenforschung und die Hilfe des Archivs der Akademie der Künste in Berlin angewiesen, um das Notenmaterial zusammenzustellen und die Wiederaufführung des Werkes überhaupt möglich zu machen.

Dies war allerdings nur die erste Voraussetzung für ein in jeder Hinsicht gigantisches Unterfangen. Dessau machte es den Beteiligten nicht leicht. Er sieht mehr als zwei Dutzend Solopartien vor, etliche davon anspruchsvoll, einige brutal (vor allem der extrem hochliegende Sopran Elsa, und alle Beteiligten mussten bei null anfangen). Der Chor muss riesig sein und wird stark gefordert (mit bis zu neun Stimmen). Der Orchesterapparat sprengt die Größe eines Grabens bei weitem, indem mehr als ein Dutzend Menschen allein an Schlagwerken erforderlich sind, die in Weimar zum Teil erst angeschafft werden mussten. Zu den vielen genialen Lösungen, die es gewiss brauchte und die gefunden wurden, gehört es nun, sie zum Teil auf zwei großen Wagen zu platzieren, die nach Bedarf auf die Bühne gefahren werden können und sich hier zugleich als krause Drachenbrut zeigen können. Schließlich braucht es Bandeinspielungen, die ebenfalls vorbereitet werden mussten und die Dessau zur Verstärkung wie zur Verfeinerung der Effekte einsetzte.

Es ist nicht zuletzt eine Kooperation mit dem Theater Erfurt, die die Durchführung des Kraftaktes möglich machte. Und es ist wiederum nicht zuletzt die handwerklich und denkerisch überwältigend gelungene Inszenierung von Peter Konwitschny (des ehemaligen Schülers der Regisseurin Ruth Berghaus, Paul Dessaus Frau), die nun zu einer triumphalen Premiere führte. Mit folgendem Kuriosum: Eigentlich müsste „Lanzelot“ nun landauf und -ab gespielt werden, aber keiner wird so rasch heranreichen können an das, was vorerst also nur ein zügiger Besuch in Weimar oder im nächsten Jahr in Erfurt bieten kann.

Mit Verve stellten sich die Mitwirkenden der Aufgabe, 15 Bilder zu zeigen, aber so kompakt, dass es nicht zu Leerläufen kommt. Ausstatter Helmut Brade hat in die Mitte der Bühne einen drehbaren Aufbau gestellt, der mit feinen Tapeten und lustigen Bildern Hauptschauplätze zeigt. Die Wagen mit den Schlagwerken sind praktisch Bühnenbilder für sich und sorgen dafür, den Drachen wohl als tödliche Gefahr, aber nicht versehentlich doch als Märchenwesen wahrzunehmen. Die Kostüme vermitteln einerseits einen märchenhaft munteren Alltag und Zeitlosigkeit. Es gibt keinerlei Versuch, etwas „Altes“ zu rekonstruieren, es gibt keine Spur von Nostalgie, die auch ganz antidessauisch wäre. Allein die Sorgfalt ist die Verbindung zu damals: Man sieht geradezu dabei zu, wie Dessau, Müller und Tscholakowa ihre Ideen entwickeln und wie Konwitschny, Brade und Beykirch jetzt versuchen, sie wieder klug ins Bild zu setzen.

Der Drache, ein umfangreicher Gentleman, der von Oleksandr Pushniak mächtig gesungen und in kindlicher List gespielt wird (fürchterlich, die kindliche List von Übermächtigen), braucht zum Beispiel bloß ein Stabfeuerzeug. Damit überrumpelt er die von der Cholera überrumpelten Steinzeitmenschen (denn bei Konwitschny kann man nebenbei lernen, wie glänzend ein Chor darstellerisch auf Touren kommt, wenn er gut geführt wird).

Auch meuchelt der Drache mit dem Flämmchen ein auf der Bühne platziertes Kammermusiktrio. Die Musik geht ihm offenbar ein wenig auf die Nerven – und Dessau sorgt mit Schönbergschen Elementen dafür, dass ein bürgerliches Publikum den Drachen irgendwie wird verstehen können –, während er sich in seiner Waffenkammer auf den Kampf mit Lanzelot vorbereitet. Die Kammermusik zu den Videoeinspielungen von Massenvernichtungswaffen, eine dolle Szene.

Am Abend reiht sich eine davon an die andere. Vieles ist rasant witzig – der Drache, der einer Schulklasse Amphibienunterricht gibt oder im Stadttheater zu Informationszwecken einige militärisch kommentierte Herakles-Taten vorgeführt bekommt: Gewalt gegen unschuldige Tiere vornehmlich, erläutern die Militärs, und man sieht, wie Herakles den armen kleinen Stofflöwen in Stücke reißt. Anderes ist gespenstisch – Lanzelot, der sich im Drachenkampf dann auf einmal selbst gegenübersteht. Der Berufsheld wird von Máté Sólyom-Nagy, einem gepflegten Bariton, ganz unkarikiert belassen. Er ist sozusagen das normale Individuum unter geistig Verformten. Elsa, Emily Hindrichs, die ihre Stimme makellos von unheimlichen Höhen in noch unheimlichere Höhen schraubt, ist ebenfalls Mensch unter Verrückten, allerdings ein Mensch in pausenloser Todesangst: Sie ist als nächstes Opfer des Drachen ausersehen. Das Groteske – die keckernden Freundinnen – und das Elegische liegen hier besonders dicht beieinander.

Die Vielschichtigkeit der Bilder – der Klamauk neben der Schärfe – entspricht dem Facettenreichtum der Musik, die mit subtilen und offensiven Anklängen und Zitaten arbeitet. Hier ruft ein Stadttheater-Heroe Notung, das Schwert, an, dort grollt das Volk mit einer Wendung aus Dessaus eigenem „Appell der Arbeiterklasse“. Feierlich geht es mit Concerto-Grosso-Musik von Händel zu, weniger feierlich unterhält sich das Volk mit Schlagern.

Lanzelot wird den Drachen besiegen, aber ein Happyend gibt es trotzdem nicht. Dass das Musiktheater lebt, ist der Trost der Stunde und kein geringer.

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