Festhalle Frankfurt

Wie Weihnachten

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Die „Night of the Proms“ ist opulent, schlägt aber letztlich auch auf den Magen.

John Miles ist so etwas wie das Herz der „Night of the Proms“-Konzerte, die seit 25 Jahren Pop-Interpreten und Orchester zusammenbringen. Sein „Music“ liefert der Reihe ihr heimliches Motto: „Music was my first Love / And it will be my last. / Music of the future / and music of the past“. Mit dem groß besetzten Antwerp Philharmonic Orchestra samt Chor und Band kommt die Collage angemessen kräftig rüber. Miles punktet mit Energie und vor allem Stimme. „Wake Me Up“ beginnt er als getragene Ballade zu Ehren des im April 29-jährig verstorbenen Avicii, bevor es tanzbar wird; mit van Halens „Jump“ lässt er die Frankfurter Festhalle springen.

Die Original-„Proms“ sind Klassik-Konzerte in London mit günstigen „Promenadenplätzen“ – daher „Proms“. Bei der Nummernrevue, die alljährlich im Advent als „Night of the Proms“ tourt, geht es eher um die „Prom“-Inenz der Gastmusiker. Da hat in der Jubiläumsausgabe der einstige „Roxy-Music“-Frontmann Bryan Ferry die Krone auf. Die Stimme des 73-Jährigen hat an Sicherheit eingebüßt, aber in der Festhalle gibt er Songs wie „Avalon“ und dem Lennon-Cover „Jealous Guy“ doch einiges vom alten Timbre. Und liefert mit „Let’s Stick Together“ einen Beleg für die Existenzberechtigung des seit den 80ern ein wenig aus der Mode gekommenen Symphonic-Pop-Formats: Breitwandsound vom Feinsten.

Dagegen bringt Singer-Songwriter Milow aus Belgien, Heimatland der „Proms“-Reihe, sommerliche Leichtigkeit mit. „You don’t know“ erhebt sich aus einem virtuos hispanisierenden Gitarrenduett des an diesem Abend noch öfter zu hörenden kosovarischen Solisten Petrit Ceku und seines Kollegen Tom Vanstiphout aus der Prom-Band. Milows erster Erfolg „Ayo Technology“, ein 50 Cent / Justin Timberlake-Cover, bringt dem Abend den ersten Höhepunkt. Ebenfalls dabei: die Pointer Sisters, inzwischen ein generationenübergreifender Familienbetrieb. Neben der bejahrten Mitgründerin Anita heizen Enkelin Sadako und Nichte Issa mit Soul à la „I’m so excited“ dem knallvollen Saal ein. Dazwischen und drumherum Donauwalzer, Filmmusik, Dvoráks „Neue Welt“ und Bernsteins „West Side Story“, theatralisch dirigiert von Alexandra Arrieche. Das Orchester legt mehr Wert auf Überwältigungspathos und forcierte Tempi als auf Präzision.

Dann sind da noch: Tim Bendzko, der „kurz die Welt retten“ will. Plaudermoderator Markus Othmer. Jede Menge Video- und ein paar Pyro-Effekte. Und Flötenclown Gabor Vosteen. Der kann hochvirtuos mit Nasenlöchern und Mund bis zu fünf Flöten gleichzeitig bedienen. Sein Speichel-Popel-Fremdschämklamauk gehört aber eher zu den verzichtbaren Elementen des langen Abends. Bis hin zur gemeinsamen Zugabe – unverwüstlich: „Hey Jude“ – füllt das Konzert die Ohren wie ein Weihnachtswochenende den Magen: fett, süß, viel durcheinander und von allem ein bisschen zu viel.

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