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Juliette Lewis brüllt sich die Seele aus dem Leib.

Juliette Lewis in Wiesbaden

Weck den Rockstar in dir!

Juliette Lewis jagt im Wiesbadener Schlachthof atemlos von Song zu Song: Die Halle hat sie fest im Griff, denn sie ist eine kompromisslose, grandiose Rampensau, Von Tim Gorbauch

Von Tim Gorbauch

Die Flüsterpost vorab verkündet Schreckliches. Aus München hört man von einem der schlechtesten Konzerten seit langem, von einer überflüssigen, aufgeblähten, mühsam einstudierten Rockshow.

Und dann werden die üblichen Reflexe mitgeschickt. Wäre die Frontfrau nicht so bekannt, wäre sie nicht ein Star aus Hollywood, eine, die mit George Clooney und Robert de Niro drehte, niemand würde sich für diese räudige Musik interessieren.

So what?!, sagt sogar Juliette Lewis, die Sängerin und Actrice, später von der Bühne des Wiesbadener Schlachthofs, manche kommen wegen der Musik, andere, um eine Freakshow zu begaffen. Ihr ist das egal, Hauptsache, sie sind da.

Sie selbst ist kleiner, als die Leinwand uns das suggeriert, auch zierlicher. Die Halle hat sie dennoch fest im Griff. Juliette Lewis ist eine kompromisslose, grandiose Rampensau, die breitbeinigen Posen sind beides zugleich, Theater und Ausdruck unmittelbarer Besessenheit. Pausen darf es nicht geben, Stillstand ist der Tod. Atemlos jagt sie von Song zu Song, lässt die Musik in sich hineinfahren, biegt ihren Körper, zuckt, röhrt, stöhnt, breitet die Arme aus und bringt damit eine Sehnsucht nach Größe auf die Bühne, mit der die Musik tatsächlich nicht mithalten kann.

Man kann das alles albern finden oder altbacken oder zu dick, aber man muss ihr deshalb kein Kalkül unterstellen. Die Lust, die sie an diesem Abend verkörpert, könnten unzählige andere Konzerte gut gebrauchen.

Auf Juliettes Schultern

Von ihrer ersten Band, "The Licks", hat sie sich inzwischen getrennt. Nun stehen "The New Romantiques" neben ihr, ein seltsam zusammengewürfelt anmutender Haufen, inklusive bildhübscher Bassistin, gelangweiltem Schlagzeuger und zwei selbstverliebten Gitarristen. Sie stören nicht, aber sie bringen auch nichts ein. Die Last des Abends liegt auf Juliettes Schultern. Und wenn die Musik es nicht mehr trägt und der Sängerin die Posen ausgehen, bleibt immer noch der Flirt mit dem Publikum. Darin wirkt sie dann doch fast zu versiert. Der Deutschunterricht, den sie will, kreist wie schon in München um das Wort "Kuss", später singt sie einem Fan ein Geburtstagsständchen.

Aber vielleicht stimmt die Geschichte ja wirklich, die Juliette Lewis gleich am Anfang des Abends erzählt. Dass sie mit der Musik begonnen habe, weil sie sich nicht mehr so einsam fühlen wollte. Rock´n´Roll als Therapie. Schnell gespielt, laut, bierselig, naiv, roh. Eine kurze Zugabe. Großer Jubel. Dann ist sie wieder allein.

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