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Daniil Trifonov in der Alten Oper.

Alte Oper

Im Wechselbad der Temperierungen

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Prokofjews „Romeo und Julia“, ganz unsüßlich vom London Philharmonic mit Daniil Trifonov in der Alten Oper Frankfurt.

Als Kandidat für das Finalstück eines nicht nur russisch programmierten, sinfonischen Konzertabends bewährt ist „Romeo und Julia“ von Sergei Prokofjew. Und auch beim Gastspiel des London Philharmonic Orchestra bei Pro Arte in der Alten Oper war das so. Nur dass sich die Musiker des berühmten, 1934 von Sir Thomas Beecham gegründeten Orchesters mit seinem jetzigen Chefdirigenten Vladimir Jurowski nicht für die gängige Lösung einer knapp halbstündigen Suite mit Rausschmeißerqualitäten entschieden hatten.

In den 30er Jahren war die Partitur zu Prokofiews Shakespeare-Ballett entstanden. Die Uraufführung der Gesamtfassung fand 1940 im Kirov-Theater in der Choreografie Leonid Lavrovskys statt, der 1954 auch den sogleich in Cannes ausgezeichneten Farbfilm mit Galina Ulanova schuf. Mit zweieinhalb Stunden Dauer ist „Romeo und Julia op. 64“ wohl eines der umfänglichsten Ballette der Geschichte überhaupt.

Jurowski, ein Musiker, der gerne ausgetretene Pfade beim interpretatorischen Vorgehen vermeidet, hatte von den 52 Nummern 22 zur Aufführung bestimmt und damit immerhin knapp die Hälfte des Klangverlaufs. Zu erleben war 70 Minuten lang eine alle Aufmerksamkeit beanspruchende Begehung in zerklüfteter Klanglandschaft in einem Wechselbad der Temperierungen, der Belichtungen, der emotionalen Hoch- und Tiefdruckgebiete mit Orkanböen und Windstille. Das Orchester, geeicht wie ein Barometer, bot oberste Qualität zwischen Brutalität und Zartheit in den diversen kollektiven und privativen Idomen.

Die ganz unsüßliche Prokofiew-Diktion des Shakespeare-Dramas, die hier mehr als nur den suitengerechten Ballsaal, das Jungmädchenzimmer, den Balkon und die Gruft zu bieten hatte, war der zweite Gewinn des Abends. Der erste war der gemeinsame Auftritt des 41-jährigen russischen Dirigenten mit dem 14 Jahre jüngeren Landsmann Daniil Trifonov. Differenziertheit ist das Schlag- und Messwort, dass hier zu gelten hat und den Grad des Könnens beschreibt. Fundiert in einer lyrischen Haltung: mal schwergewichtig, mal fragil und schwebend, mal verspielt, turbulent und verrückt sowie herausfahrend-aggressiv. Gekonnte Ausdrucksmasken in artistischer Tasten-Ballettuosität, die man mit purem Gehämmere und strähnigem Davonziehen nicht trifft.

Tschaikowskys sanguinisch-melancholische, zwischen Zerbechlichkeit und Auftrumpfen verspannte Ausdruckswelt kam hier völlig zur Geltung. Das überragende Tutti aus der Stadt des Shakespearschen Globe-Theatre hatte daran nicht den geringsten Anteil.

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