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Waving the Guns sind: Milli Dance, zumeist mit Mikro in der Hand auf der Bühne; DrDmg, verantwortlich für Beats und die Produktion; genauso wie Dub Dylan (v.l.n.r.).

Waving the Guns im Interview

„In Seehofer verschmilzt alles zu einem Parade-Feindbild“

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Linker Battle-Rap? Milli Dance und DrDmg von Waving the Guns erklären der FR, wie das geht, was beim Echo alles schief lief und warum Seehofer das perfekte Ziel ist.

Eure Platte verkauft sich, die Tour gut besucht. Linker Rap liegt im Trend.
Milli Dance: Bei Linken liegt linker Rap immer im Trend. Ich mag den Begriff genauso wenig wie „Zeckenrap“. Er reduziert Musik auf den politischen Gehalt. Der ist uns wichtig, ist aber nicht alles. Bei sexistischen Texten spricht auch niemand von Sexisten-Rap. Wir machen einfach Battle-Rap.
DrDmg: Wenn linker Rap wirklich so trendig wäre, müsste man sich nicht Debatten wie beim Echo antun. Es würden andere Leute Stadiontouren spielen, man würde andere Texte hören und Lebensentwürfe präsentiert bekommen.

Aber er verkauft sich besser als vor 15 Jahren.
Milli Dance: Da haben die Absoluten Beginner mit linken Inhalten auch viel verkauft. Aber ja, der Zeitgeist spielt uns in die Karten.
DrDmg: Heute machen einfach mehr linke Leute Rap als früher. Und die Akzeptanz von Rapmusik in linken Kreisen hat sich erhöht. Vor ein paar Jahren war man dort misstrauischer.

„Feine Sahne Fischfilet hat den Türöffner gemacht“

Das hat Euch geholfen.
Milli Dance: Vor allem haben uns linke Infrastrukturen geholfen, auf die wir zurückgreifen konnten. Wir hatten das Glück, dass wir in ganz Deutschland autonome Jugendzentren bespielen durften. Und dass Leute wie Feine Sahne Fischfilet für uns den Türöffner gemacht hat.

Mit Feine Sahne Fischfilet wart Ihr auf Tour und habt den Song „Wut“ aufgenommen. Nach deren Auftritt in Chemnitz gab es viel Kritik an den Texten. Zitiert wurde immer wieder eine Zeile: „Die nächste Bullenwache ist nur ein Steinwurf entfernt.“ Die ist aber gar nicht von Feine Sahne Fischfilet...
Milli Dance:...nein, die ist von mir.

Und das sagst Du mit einem Grinsen.
Milli Dance: Klar finde ich das witzig.
DrDmg: Wenn man noch nicht mal merkt, dass da ein anderer singt und nicht Monchi (Sänger von Feine Sahne Fischfilet, Anm. d. Red.), dann kann man unterstellen, dass der Kritiker sich wohl nicht mal die Mühe gemacht hat, den Song anzuhören.

„Leute wie Horst Seehofer sind ein dankbares Ziel“

Die Polizei ist bei Euch beliebte Angriffsfläche, ähnlich wie die CSU.
DrDmg: Leute wie Horst Seehofer sind ein dankbares Ziel: Er repräsentiert in Personalunion alles, was für uns problematisch ist: ein alter weißer Mann mit regressiven Ansichten und Vorbehalten gegenüber Minderheiten und Ausländern. In Seehofer verschmilzt alles zu einem Parade-Feindbild.
Milli Dance: Außerdem machen wir eben Battle Rap. Da sucht man sich Gegner. Manche Rapper attackieren andere Rapper, Frauen oder Homosexuelle. Wir legen uns lieber mit Personen in Machtpositionen an, anstatt mit Leuten, die sowieso von Diskriminierung betroffen sind. CSU und Polizei sind deshalb perfekte Ziele.

Die Kritik aber bleibt: Eure Texte sind stellenweise gewaltverherrlichend.
Milli Dance: Ich finde nicht, dass wir verherrlichen. Ich thematisiere in meinen Texten Gedanken, die ich habe, aber niemals in die Realität umsetzen würde.

In „Ich werde mich verteidigen“ rappst Du: „Kippt er ins Flüchtlingsheim ein paar Liter Sprit hinein, gib ihm Eisen“. Das ist eine Aufforderung zur Gewaltanwendung.
Milli Dance: Kann man so interpretieren. Aber wenn man sieht, dass jemand versucht, ein Flüchtlingsheim abzufackeln, dann wäre es unterlassene Hilfeleistung, nicht einzuschreiten und alles zu tun, um das zu verhindern.

„Neonazis rüsten auf“

Und dazu gehört Gewaltanwendung?
Milli Dance: In letzter Instanz ja, wenn alle anderen Mittel versagen. Man wird rechte Gewalt nicht mit Sitzblockladen stoppen. Gewalt ist eine Realität, die nicht verschwindet, nur weil man sie persönlich ablehnt. Neonazis rüsten auf und trainieren in Kampfsportvereinen. Für Rassisten ist Gewalt ein Mittel der Unterdrückung, manchmal auch ein Fetisch. Soweit darf es bei uns nie kommen. Wenn man sich aber Nazis entgegenstellt, muss man sich darauf vorbereiten, dass es gewalttätig werden kann. Alles andere wäre fahrlässig.
DrDmg: Ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich mich damit meist nicht beschäftigen muss.
Milli Dance: Das kann ich nachvollziehen. Ich versuche in dem Track ja, diesen Konflikt herauszuarbeiten, zwischen der Notwendigkeit und der Angst vor Gewaltanwendung. Die sollte jeder vernünftige Mensch haben.

Das letzte Mal, dass Battle-Rap in deutschen Feuilletons stattfand war vor einem Jahr, als Kollegah und Farid Bang auf dem Echo auftraten...
DrDmg: ...Der eigentliche Skandal war, dass die Echo-Leute sich im Vorfeld offenbar noch nicht mal die Musik anhören, die sie da auszeichnen.

„Helene Fischer sagte auf einmal: Das geht für mich gar nicht“

Ihr beschäftigt Euch auf Eurem neuen Album mit der Debatte. Eine Zeile lautet „...und jeder gibt unter Getose sein Echo zurück“.
Milli Dance: Plötzlich waren alle empört. Helene Fischer sagte auf einmal: Das geht für mich gar nicht. Sie hat zuvor aber nichts zu Fremdenhass in Deutschland gesagt. Gerade sie, mit ihrer Reichweite, hätte den Leuten klar machen können: Ich bin genau die Migrantin, das Kind von „Wirtschaftsflüchtlingen“, die ihr alle so hasst. Ich verlange nicht von ihr, politisch aktiv zu werden, nur weil sie Migrantin ist. Das verpflichtet sie zu gar nichts. Wenn sie aber medienwirksam den Echo zurückgibt, dann kann man mal nachfragen.
DrDmg: In dem Skandal wurden aus Überzeugungen Accessoires. Wenn alle die Handtasche haben, will ich die auch. Und wenn alle den Echo abgeben, mache ich das auch.
Milli Dance: Es ging der weißen, bürgerlichen Mittelschicht in der Kritik nicht um Antisemitismus, sondern darum, das angeblich so asoziale Genre Straßenrap anzugreifen. Das passiert immer wieder.

Wann zum Beispiel?
Milli Dance: Als „Gzuz“ von der 187 Straßenbande auf dem neuen Album der Absoluten Beginner einen Gastauftritt hatte zum Beispiel. Da gab es einen wahren Aufschrei der weißen Mittelschicht in den Kommentarspalten.

Auch Straßenrap muss aber kritisiert werden.
DrDmg: Natürlich. Wenn sich die Kritik aber nicht an Inhalten, sondern an der Herkunft der Protagonisten abarbeitet, weil sie Migrantenkinder sind oder aus der Unterschicht stammen, dann zielt die Kritik auf die Wahrung ungerechter Verhältnisse. 
Milli Dance: Es ist dieselbe Kritik,, die geäußert wurde als es 2011 in den Straßen von London knallte. Als dort Jugendgangs Geschäfte plünderten, hieß es: Die wollen nur Flachbild-Fernseher haben, die sind nur am Konsum interessiert. Dabei waren abgehängte Vertreter eines modernen Lumpenproletariats, denen jegliche Perspektive fehlt. Ganz sicher haben sie keine politische Ideologie verinnerlicht. Anstatt sich zu empören, sollte man fragen: Woher kommt die Wut? Aber das Projizieren eigener politischer Wünsche auf andere Menschen war und ist ein Problem der Linken. Schau Dir die 1968er an. Das Ganze „Ho Ho Ho Chi Min“ - Gerufe, die Wahrnehmung von Entwicklungen in Afrika oder China, das war sehr von eigenen Wünschen geprägt, und weniger von Realitäten, die sich vor Ort ausgerollt haben.

Milli Dance in Aktion im Artheater in Köln.

Da steht die Kritik auf dem Kopf.
Milli Dance: Dasselbe passiert in Deutschland, wenn über Hartz-4 Empfänger und ihren asozialen Lebensstil gelästert wird. Während gleichzeitig am anderen Ende Vermögen gebunkert werden. Da fehlt die Kritik an strukturellen Verhältnissen. Das gilt für Rap genauso wie für andere gesellschaftliche Diskurse.
DrDmg: Gerade Straßenrappern wird oft vorgeworfen, dass sie sich mehr um die Belange des Ghettos kümmern sollten, anstatt sich mit der verdienten Kohle Goldketten zu kaufen. Meistens sind die Kritiker in dem Fall weiß und die Kritisierten Afroamerikaner.

„Kein Feuilleton verlangt keine Lieder von Johnny Cash mehr zu spielen“

Im Deutschrap wird Sexismus und Chauvinismus als ästhetischer Code verwendet. Rapper verstecken sich hinter dem Argument, das sei Ironie oder „nur“ ihre Kunstfigur.
DrDmg: Die Gefahr besteht, dass mit ironischer Überhöhung ein Missstand bedient statt kritisiert wird. Und es stimmt: viele Rapper verstecken sich hinter ihrer Kunstfigur. Dazu kommt die Ebene der Rezeption. Es gibt ein Unterschied, zwischen dem, wie du es machst, und dem, wie es bei den Leuten ankommt. Außerdem tritt das eigentliche Werk zunehmend in den Hintergrund und der Kunstschaffende, also die Person, in den Fokus.
Milli Dance: Das passiert nirgends so stark wie beim Rap. Da werden Schaffende ständig mit dem Sexismus oder Chauvinismus ihrer Texte konfrontiert. Johnny Cash hat ein Lied gemacht, in dem er nebenbei davon singt, wie er Frauen niederschießt. Aber kein Feuilleton verlangt, dass man im Radio keine Tracks von ihm mehr spielen darf.

Woran liegt es, dass Rap Ziel solcher Kritik ist?
Milli Dance: Weil dort Künstler und Kunstfigur verschmelzen. Weil das Ego eine große Rolle spielt, vielleicht auch, weil er so populär ist, gerade bei jungen Leuten.

„Fridays for Future gibt mir Hoffnung“

Es wird viel geredet davon, dass sich diese jungen Leute wieder stärker politisieren. Was haltet Ihr von einer Jugendbewegung wie der Fridays for Future?
Milli Dance: Das gibt mir ein bisschen Hoffnung. Rechte Gruppen wie die AfD haben sich beim Thema Umwelt früh festgelegt: Es gibt keinen Klimawandel, alles nur Wetter. Und jetzt entsteht eine ganze Generation, die anderer Meinung ist. Das könnte Basis für eine Bewegung werden, die über das Umweltthema hinaus etwas bewirkt.

Findet Ihr, guter Rap muss dagegen sein?
Milli Dance: Ja. Selbst wenn fette Autos, Goldketten und der ganze Quatsch gefeiert werden, ist das ein Dagegen, weil der Luxus illegal, also gegen die Regeln der Gesellschaft angeeignet wurde.Mit Drogenverkauf zum Beispiel. Mein Entwurf von Rap unterscheidet sich davon, es bleibt aber dabei: Rap ist dann gut, wenn er von unten kommt. Dieses Unten muss nicht die Gosse sein. Es geht um die Haltung. Unten ist dort, wo das Oben nicht stattfindet. Und Oben ist all das, was die herrschende neoliberale Logik glorifiziert und als erstrebenswert festlegt. Rap muss sich in meinen Augen an Herrschaftsverhältnissen reiben.

Wenn Cro sich Stevia-Zucker von den Fantastischen Vier leiht

Bedeutet das, dass es keinen guten Rap im Mainstream gibt?
Millidance: Man kann im Mainstream stattfinden,aber wenn Musik und Text aus finanziellem Opportunismus aalglatt werden, dann wird es langweilig.
DrDmg: Cro hat mal in einem Interview erzählt, dass er sich gerne auf sein Longboard schwingt, um durch den langen Flur zu den Büros der Fantastischen Vier zu fahren, in dem neuen Gebäudekomplex, den sie gemeinsam bezogen haben, um sich Stevia Zucker zu leihen. Das hat nicht mehr mit dem Leben abgehängter Jugendlicher zu tun, was mal die Grundidee für Rap war. Da geht es nur um Geld verdienen. Und das ist als Inhalt von Musik oder überhaupt Kunst sehr öde.

„Mit Rassisten brauche ich nicht groß zu diskutieren“

Als politisch Aktive: Würdet Ihr jemals eine Wahlempfehlung abgeben?
Milli Dance: Nein. Außer, dass man wählen gehen sollte. Und wen man auf keinen Fall wählen sollte. Die Abschaffung von Herrschaft erfolgt zwar ganz sicher nicht durch Wahlen. Aber sie erfolgt auch nicht durch Wahlboykott.

Seid Ihr überzeugte Demokraten?
DrDmg: Nein.
Milli Dance: Doch.
DrDmg: Was? Wie bitte?
Milli Dance: Naja, Mitspracherecht ist mir wichtig, und dass die Lebensbereiche der Menschen, die um mich herum leben, demokratisiert sind.
DrDmg: Achso.
Milli Dance: Wenn demokratische Strukturen aber nur existieren, um privates Eigentum oder kapitalistische Produktionsweisen zu schützen, dann kann ich damit wenig anfangen. Dann sind demokratische Prozesse auch nur ein Feigenblatt für kapitalistische Ausbeute. Aber gerade in linken Szenen tun sich Menschen schwer, Debatten zu führen mit Leuten, die anderer Meinung sind. Das sollte man aushalten, und das ist für mich ein demokratischer Prozess, wenn Meinung und Gegenmeinung aufeinander treffen. Die Alternative dazu wäre Dogmatismus, der früher oder später daneben liegt. Es gibt aber auch Grenzen. Mit einem überzeugten Rassisten oder Neonazi brauche ich nicht groß diskutieren. Der wird die Diskussion nur nutzen, um Diskurse kaputtzumachen.

Waving the Guns (WTG) kommen aus Rostock und machen seit 2012 Deutschrap mit politischen Inhalten. Die Band besteht aus MC Milli Dance und den Produzenten DrDmg und Dub Dylan. 2019 erschien mit „Das muss eine Demokratie aushalten können“ ihr drittes Album. Bis Ende Mai befindet sich WTG noch auf Tour. Am 18.05. spielen sie im Schlachthof Wiesbaden, am 08.06. außerdem beim Aufest in Frankfurt. Die Bühne betritt Milli Dance grundsätzlich nur maskiert, ihre bürgerlichen Namen wollen die Künstler nicht in der Zeitung lesen.

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