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Warpaint „Radiate Like This“: Drive in dunklen Tönen

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Von: Christina Mohr

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Warpaints Jenny Lee Lindberg (r.) und Emily Kokal.
Warpaints Jenny Lee Lindberg (r.) und Emily Kokal. © imago images/Gonzales Photo

Warpaint legen mit „Radiate Like This“ ihr bisher bestes Album vor.

Einer der wenigen positiven Nebeneffekte der Corona-Ära war, dass man endlich dazu kam, die eigenen Arbeitsprozesse zu überdenken. Muss oder will ich so weitermachen? Kann man das nicht anders anpacken? Dem kalifornischen Quartett Warpaint, bestehend aus Emily Kokal, Theresa Wayman, Jenny Lee Lindberg und Stella Mozgawa ging es ähnlich – bis zur Sinnfrage schlechthin: Soll es ein neues Warpaint-Album geben, oder legen wir die Band ad acta?

Diese Frage entstand nicht aus einer kreativen Flaute, sondern aus den Veränderungen, die die letzten Jahre mit sich brachten. Kinder wurden geboren und Soloprojekte verfolgt, die Musikerinnen zogen an weit voneinander entfernte Orte. Distanzen, die erst recht während des Lockdowns kaum zu überwinden waren.

Überschaubarer Output

Dazu kommt, dass Warpaint eine Band ist, die ihren Output ohnehin überschaubar knapp hält: Seit der Gründung 2004 (damals noch mit Schlagzeuger Josh Klinghoffer) erschienen eine EP und drei Alben, das letzte, „Heads Up“ vor sechs Jahren.

Das Album:

Warpaint: Radiate Like This. Virgin Music.

Dieser in von Streamingdiensten hochgepeitschten Stakkato-Release-Zeiten unerhört lückige Veröffentlichungsmodus passt zu Warpaints Musik, einer unverwechselbaren Mischung aus Psychedelic-, Dreampop- und Indierock-Elementen, die trotz klassischer Besetzung (Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard, Vocals) atmosphärisch und „antirockistisch“ klingt. Warpaint erklären Verlangsamung, Repetition und sich auflösende Grenzen zum ozeanischen Prinzip, dem hektische Taktung entgegensteht.

Als vor knapp zwei Jahren doch die Entscheidung für das Album fiel, ergab sich ein neues Problem. Durch die Reisebeschränkungen konnten sich Warpaint nicht wie früher üblich gemeinsam im Studio treiben lassen, jammen, herumprobieren, bis sich einzelne Tracks herausschälten. Eine andere Arbeitsweise war gefordert: Die Musikerinnen schickten sich zu Hause aufgenommene Instrumentalparts per E-Mail hin und her, Emily Kokal führte die Fäden mittels Produktionssoftware Ableton zusammen.

Konzentrierter, fokussierter

Dabei herausgekommen ist Warpaints bis dato bestes Album: „Radiate Like This“ wirkt konzentrierter und fokussierter als frühere Platten, schon der Einstieg mit „Champion“ ist grandios: ein klarer Hit, der in dunklen Tönen gemalt ist, aber euphorisierenden Drive entwickelt. Auch „Hips“ und das newwavige „Proof“ halten die neue Spannung, schichten Shoegaze-Gitarren über dynamisch-suggestive Beats, ohne auszufransen.

Die zärtliche Hommage „Stevie“ schöpft zugleich aus R’n’B- und Artrock-Anleihen (Fleetwood Mac!), auch der Schluss-track „Send Nudes“ kommt warm und soulful daher, eingebettet in Akustikgitarre und Oldschool-Synthies. Nur im Mittelteil der Platte scheinen Warpaint kurz den Faden zu verlieren, Stücke wie „Altar“ oder „Like Sweetness“ hinterlassen keinen starken Eindruck, wirken im Gegensatz zu den anderen ein wenig flach. Aber Warpaint kriegen die Kurve mit (für sie) ungewöhnlichen Moves wie der gefühlvollen Klavierballade „Trouble“, die neue Facetten der Band offenlegt.

„Radiate Like This“ ist viel mehr als die Summe seiner Einzelteile: nämlich das eindrucksvolle Statement einer Band, die ihren eigenen Rhythmus hat.

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