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Dirigent Manfred Honeck.

Interview mit Manfred Honeck

"Von Euphorie sind die USA weit entfernt"

Der österreichische Dirigent Manfred Honeck, Chef des Pittsburgh Symphony Orchestra, über die Arbeit in einer verkannten US-Metropole und die Lage der Kultur vor der Wahl.

Seit drei Jahren ist Manfred Honeck Generalmusikdirektor des Pittsburgh Symphony Orchestra. Unlängst hat er für weitere acht Jahre verlängert. „Die Stadt ist meine zweite Heimat geworden“, sagt der Österreicher. Einen Tag nach den US-Präsidentschaftswahlen am 6. November kommt Honeck mit seinen international renommierten Musikern nach Deutschland – und dirigiert dann unter anderem Anton Dvoraks 9.Symphonie. Anlass genug, den Künstler aus der Alten Welt zu fragen, wie er die Neue Welt zurzeit erlebt.

Herr Honeck, sind die US-Amerikaner frei?

Nicht so frei, wie man denken mag. Dafür sind die wirtschaftlichen Zwänge und Sorgen zu groß, momentan sind sie für viele extrem belastend. Schauen Sie, ich stamme aus einem Dorf in Vorarlberg, aus armen Verhältnissen, wir waren neun Kinder. Ich sage den Leuten hier oft: Wäre ich in Amerika geboren worden, hätte ich nicht ohne weiteres studieren können.

Wie erklären Ihnen Ihre Gesprächspartner, warum sie unverdrossen an die Chancengleichheit glauben?

„Jeder kann es schaffen!“ Das ist hier mehr als ein Glaubenssatz. Hinzu kommt aber auch, dass man den Staat in vielen Belangen für unfähig und auch unwillig hält. Die öffentliche Hand arbeitet vielerorts schlecht, und das nicht nur, weil die Kassen leer sind. Man muss sich nur mal die Straßen ansehen: überall Löcher…

…die überirdischen Stromleitungen sind auch vorsintflutlich…

… und so fort. Also heißt es: Wer keine ordentlichen Straßen bauen kann, dem vertrauen wir auch die Bildung unserer Kinder nicht an. Lieber nimmt man in kauf, dass nur eine sehr gut verdienende Minderheit ihre Kinder problemlos auf die privat finanzierten Universitäten schicken können. Ehepaare mit Durchschnittseinkommen sparen bereits dafür, noch bevor ihr Kind geboren ist. Einige Talente haben Glück und bekommen ein Stipendium, das sie nach dem Studium natürlich zurückzahlen müssen, weswegen sie mit enormen Schulden ins Berufsleben starten. Man muss allerdings sagen, dass die Universitäten ein fantastisch hohes Niveau bieten.

Vor den Wahlen herrscht Unsicherheit

Wie erleben Sie die Stimmung so kurz vor den Präsidentschaftswahlen?

Es herrscht Unsicherheit, besonders jetzt, da sich dieser Richtungswahlkampf zuspitzt. Von einer Euphorie, wie sie Obama vor vier Jahren ausgelöst hat, ist das Land weit entfernt. Ich habe den Eindruck, dass selbst so kurz vor der Wahl sehr viele Amerikaner nicht wissen, wem sie vertrauen sollen. Einerseits ist man von Obama enttäuscht, die Ungeduld wächst, weil man nicht so viel vom versprochenen Wandel spürt. Andererseits wartet auch Romney nicht eben mit Visionen auf.

Es geht, ganz unamerikanisch, um Mangelverwaltung?

Um die Krise, ständig. Die Angst, Fehler zu begehen, die es noch schlimmer machen könnten, ist spürbar. Selbst Obama-Kritiker wollen manche Errungenschaften aus seiner Amtszeit nicht wieder verlieren. Die Amerikaner müssen nun mit zwei Dingen fertig werden: Mit enormen Geldsorgen und mit den nötigen sozialpolitischen Veränderungen, auch wenn diese am Selbstverständnis nagen.

Zu diesem Selbstverständnis gehört es, als Leitwirtschaft die Welt zu dirigieren. Nagt die Rolle des großen Sorgenkindes spürbar am Selbstbewusstsein?

Das würde ich so nicht sagen. Der Glaube daran, das Land wieder einmal neu erfinden zu können, ist nach wie vor vorhanden und damit auch diese besonders ausgeprägte Opferbereitschaft. Wenn sie das Gefühl haben, sich behaupten zu müssen, beschwören die Amerikaner ja erst Recht ihren Nationalstolz, ihren American Way of Life. Daraus wiederum beziehen sie ihren Optimismus, das ist bewundernswert.

Das Vertrauen in die Eliten ist ungebrochen?

Im Großen und Ganzen ja. Natürlich ist man verärgert und auch verbittert darüber, wie die Finanz- und Immobilienkrise auf zum Teil betrügerische Weise verschuldet wurde. Gerade hier in Pennsylvania hätten es sehr viele Bürger gerne gesehen, wenn die Bösewichte von der Wall Street allesamt im Gefängnis gelandet wären. Zum Glück sind Pennsylvania und besonders Pittsburgh weitgehend verschont geblieben.

Pittsburgh ist fantastisch

Die Arbeitslosigkeit liegt allerdings mit etwa sieben Prozent weit unter dem Landesdurchschnitt.

Sie ist auch hier gestiegen, aber nur leicht, und man sieht auch hier mehr arme Leute als zuvor, aber es ist längst nicht so verheerend wie etwa in Florida.

Noch heute, heißt es, sei das Leben in Pittsburgh sehr europäisch und teilweise auch pietistisch geprägt. Wie wirkt sich das aus?

Bald jeder weiß von einem Vorfahren zu berichten, der in den 1920er- und 1930er-Jahren hier landete, um in der Stahlindustrie gut zu verdienen. Vielleicht liegt darin wirklich ein Grund, weshalb die Pittsburgher sehr bodenständig sind, sehr konservativ haushalten. Man verdient zwar nicht sehr viel Geld, aber man verdient genug, um sich auch ohne waghalsige Kredite ein Häuschen leisten und sorgenfrei leben zu können. Die Lust am Risiko, die Gier und der Geiz, die in der Wall Street kultiviert werden, verabscheut man hier regelrecht.

Die Stadt schien als Zentrum der Stahlindustrie in den 80er-Jahren dem Untergang geweiht.

Es ist fantastisch, was seither geleistet worden ist. Die Innenstadt ist lebendig, ein Restaurant nach dem anderen wurde eröffnet, rund um unsere Konzerthalle, die Heinz Hall, gibt es Museen, Theater, die Luft ist sauber. Kaum vorstellbar, dass man hier vor 30 Jahren kein weißes Hemd tragen konnte, weil es innerhalb von Minuten grau geworden wäre. Die Stadt sah fürchterlich aus. Als die Stahlindustrie zusammengebrochen war, herrschte endgültig Trostlosigkeit. Heute sind Firmen aus aller Welt ansässig, Forschung, Technologie, Industrie. Und dank der hervorragenden Universitäten haben wir 70000 Studenten, die in der Kernstadt mit ihren nur 300000 Einwohnern für Vitalität sorgen. Pittsburgh ist längst zum Vorbild für die ganze USA geworden, wie man einen Strukturwandel schafft, wie man sich wirklich neu erfindet.

Auf Geldgeber angewiesen

Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe dafür?

Die alteingesessenen reichen Familien, die Carnegies, die Familie Heinz oder erfolgreiche Geschäftsleute wie Richard P. Simmons, der Chairman unseres Orchesters, engagieren sich schon aus Tradition für das Gemeinwohl. Diesem Bürgersinn ist es zu verdanken, dass man die Innenstadt reurbanisiert hat, dass man in die Kultur investiert. Das zahlt sich auch umgekehrt aus. Wenn wir in Asien und Europa auf Tournee sind, reisen Manager mit uns, geben Empfänge und knüpfen Kontakte. Unser Orchester ist international ein Repräsentant für die Lebensqualität. Zu der zählen auch die moderaten Preise, die gut geführten öffentlichen Schulen, die erfolgreichen Sportteams im Football und Eishockey. Das alles macht Pittsburgh attraktiv für Firmen aus dem In- und Ausland. Allein gut 70 Unternehmen aus Deutschland sind hier aktiv.

Dieser Tage meldete der Pittsburgher Aluminium-Riese Alcoa große Verluste und einen Sturz seiner Aktie. Experten werten das als verzögerte Folge der Finanzkrise. Eine solche Nachricht muss Sie als Generalmusikdirektor eines auf private Geldgeber angewiesenen Orchesters doch beunruhigen, oder?

Sie hat für uns Signalwirkung. Die Alcoa gehört zu den Firmen, die uns stark unterstützen. Ob sie das weiterhin tun kann, wird sich zeigen. Aber es gibt jetzt keinen Aufschrei in den Straßen, die Stadt kann das kompensieren. Dass die Krise Pittsburgh längst nicht so schlimm getroffen hat wie andere Metropolen, kann man überhaupt an der Situation der jeweiligen Symphonie-Orchester ableiten. Das in Detroit kämpft ums Überleben, ebenso Cleveland, Indianapolis. Auch die Kollegen in Philadelphia stehen vor einer schwierigen finanziellen Situation. Überall werden Musiker entlassen, viele Orchester können sich keine Tourneen mehr leisten, das kommunale Kulturleben droht zu veröden. Daran gemessen geht es uns gut. Wir müssen zwar auch sparen, weil unser Jahresbudget für das operative Geschäft von Fünfmillionen auf 3,5 Millionen Dollar geschrumpft ist. Aber wir entlassen keine Musiker, wir stellen im Gegenteil neue gute Leute ein. Alle sind fest angestellt, wir leisten uns weiterhin einen Composer in Residence. Wären wir künstlerisch beschnitten worden, hätte ich meinen Vertrag nicht bis 2020 verlängert.

Ist der Einfluss der Gewerkschaften traditionell nicht auch höher als anderswo?

In den Orchestern ist er überall groß, was aus der Zeit kommt, als autoritäre Dirigenten Musiker von einem Moment zum nächsten entlassen haben. Jede Minute, die ich bei den Proben überziehe, wird bezahlt. Andererseits muss man anerkennen, dass unsere Musiker momentan auf zehn Prozent ihres Gehalts verzichten. Ob die Gewerkschaften in den Unternehmen noch so einflussreich sind wie es die Stahlarbeitergewerkschaft einst war, weiß ich nicht.

Einstige Wirtschaftszentren im Norden und im mittleren Westen vergammeln. In New York, L.A. und Chicago können selbst Durchschnittsverdiener ihren Lebensunterhalt kaum bestreiten. Erstaunlich, dass Pittsburgh im kollektiven Gedächtnis der USA immer noch die verödete Stahlstadt ist.

Wir machen unsere eigene Geschichte, sagen die Pittsburgher dazu. Eine Geschichte fällt mir gerade ein: Unser erster Hornist, ich halte ihn für einen der besten Hornisten der Welt, erhielt neulich ein Angebot vom Los Angeles Philharmonic. Er sollte viel mehr verdienen als bei uns. Dann hat er durchgerechnet, was eine Wohnung in L.A. plus die Schule für die Kinder plus Vereine und so weiter kosten würde. Es ist Wahnsinn. Er hat abgesagt. Man ist hier glücklicher.

Das Gespräch führte Mark Obert.

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