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„Ich habe einfach immer Lust zu suchen“, sagt Hauschka.

Volker Bertelmann aka Hauschka

„Ich will mich nicht auf ewig festlegen lassen“

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Der Pianist und Komponist Volker Bertelmann aka Hauschka über die Grenzen des präparierten Klaviers und sein Album „A Different Forest“.

Stimmt die Anekdote, dass Sie im Alter von gerade einmal zwölf Jahren Reißzwecken in die Hämmer Ihres Klaviers gesteckt haben, um rauszufinden, wie der Klang sich verändert?
Ja. Ganz offenbar war mir der herkömmliche Klang des Klaviers schon damals nicht genug.

Was war der Impuls – die Neugier, wie das, was man gut kennt, anders klingen könnte?
Das hatte damals ganz pragmatische Gründe: ich hatte kein Geld für einen Synthesizer. Ich wollte aber in einer Band mitspielen. Und dafür brauchte ich unbedingt einen anderen Klang, der über diesen klassischen Klaviersound hinausging, etwas Metallischeres, Perkussiveres. Und die einzige Möglichkeit, die mir damals einfiel, war, dass ich irgendwas auf die Hämmer klebe, was kein Filz ist und die Saite anders anschlägt. Die größte Herausforderung war dabei, dass meine Mutter davon nichts mitbekam. Sie hätte mir den Kopf abgeschlagen.

Das Klavier als familiäres Heiligtum.
Ja, dabei war es ein billiges, altes Klavier. Man konnte es noch nicht einmal richtig stimmen. Wir hatten aber nicht viel Geld, da war das Klavier für uns alle ein besonderer Gegenstand.

Von John Cage, dem Komponisten und Übervater des präparierten Klaviers, ist der Satz überliefert, es gelte, „das akademisch verbotene, nichtmusikalische Klangfeld, soweit dies manuell möglich ist, zu erforschen.“ Kennen Sie diese Lust, diese Sehnsucht?
Total. Ich hab einfach immer Lust zu suchen. Mich vor etwas zu setzen, von dem ich keine Ahnung habe, wo ich nicht genau weiß, was herauskommt, das macht mir unglaublich Spaß. Und ich lasse mich auch beim Komponieren wahnsinnig gerne von neuen Klängen inspirieren. 

Seit vielen, vielen Jahren nutzen Sie nun schon die Möglichkeiten des präparierten Klaviers. Es ist eine Art Hauschka-Markenzeichen geworden. Ihr neues Album, „A Different Forest“, ist nun Ihr erstes Solowerk, für das Sie gänzlich auf Präparationen verzichten. Warum? Was brachte Sie dazu?
Das war ein langer und tatsächlich auch schwieriger Prozess. Ich habe mich ja ganz bewusst für Präparationen entschieden, gerade weil mir der Klavier-Klang oft zu abgenutzt, zu auserzählt erschien. Das hat ja etwas mit Unsicherheit zu tun: Traue ich dem klassischen Klavierklang genug? Traue ich mir zu, ein Stück für unpräpariertes Klavier zu schreiben? Meine Haltung, mein Selbstverständnis hat sich da über die Jahre gewandelt. Und jetzt war ich so weit: Ich wollte mich auf den reinen, unpräparierten Klang einlassen.

Das Alte, das Herkömmliche als das Neue.
Ja. Natürlich können auch Präparationen über all die Jahre etwas Formelhaftes bekommen, etwas, das man zu gut kennt, was einen selbst nicht mehr überrascht. Dieser präparierte Sound wurde irgendwann ja auch von mir erwartet, ein Hauschka-Album sollte, musste so klingen. Ich will mich darauf aber nicht auf ewig festlegen lassen. Ich will mich nicht auf dem ausruhen, was ich gut kann, und von dem ich weiß, dass es funktioniert. Es war einfach an der Zeit, damit zu brechen. Aber es brauchte viel Mut, es dann auch tatsächlich zu tun.

Ist das Album also auch eine Art Befreiungsschlag?
In gewissem Sinn schon. Die Freiheit, etwas anderes tun zu können.

Nun ist aber der Befund, dass der Sound des wohltemperierten Klaviersolos möglicherweise etwas zu schal, zu abgenutzt, zu kitschig wirken könnte, gerade heute akuter denn je. Max Richter, Nils Frahm, Ludovico Einaudi – neoklassische Wohlfühlpianisten sind die neuen Konsens-Superstars.
Ja, ich weiß, ich bin da nicht naiv. Ich hatte aber gerade im Gegenteil das Gefühl, dass es meine letzte Möglichkeit ist. Sonst wirkte es, als würde ich bloß noch auf einen Zug aufspringen.

Dem Vorwurf können Sie sich aber auch jetzt nicht entziehen.
Möglich. Ich würde Dagegenhalten, dass meine Musik doch anders ist. Sie zielt nicht unbedingt darauf ab, gefällige Melodien für Paare zu schreiben, die sich nach einem Indie-Konzert auch mal romantisch fühlen wollen.

Aber es geht in den Stücken von „A Different Forest“ doch auch um eine sehr besondere Intimität, die hergestellt werden soll. Das Album handelt von persönlichen Naturerfahrungen, von freien, ziellosen Wanderungen im Wald. Ihr Schutzschild gegen jeden Anflug von Wohlfühl-Kitsch waren jahrelang die Präparationen, die ihren Klavier-Sound entschlackten, brachen, perkussiver machten. Wie schützen Sie sich jetzt davor?
Ich muss mich auf mein Ohr verlassen, auf meinen musikalischen Instinkt, meine Intuition. Alle Stücke sind diesmal frei improvisiert entstanden, ganz ohne Partitur, ohne Konstruktionsplan, da gibt es kein Sicherheitsnetz. Ich für mich habe das Gefühl, dass die Gratwanderung klappt. Wie die anderen das sehen – ich weiß es nicht. Sagen wir es so: Wenn ich als Künstler diese Platte überlebe, mitten in der Blüte der Neoklassik, dann bin ich in Zukunft völlig frei.

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