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Der Chor des Deuschen Oper Berlin in einer Fotoprobe zur Oper "Rienzi" von Richard Wagner.

"Rienzi" in Berlin

Volk in Uniform

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Wagners suggestives Potpourri "Rienzi", von Sebastian Lang mit klaren, forschen Konturen musikalisch in den Raum gesetzt, liefert ein dramatisches Exposé des Herrschenwollens und Scheiternmüssens. Von Hans-Jürgen Linke

Die Ouvertüre ist große Stummfilmmusik. Durch ein großes, auf die Bühnenrückwand projeziertes Schwarzweißfilm-Fenster sieht man Wolken über die Gipfel einer karg-heroischen Hochgebirgslandschaft jagen. Davor sitzt er. In weißer Uniform, mit dem Rücken zum Publikum, in einem Sessel, sieht den Film, dirigiert die Musik und die Wolken mit seiner allmächtigen Hand und steigert sich in eine Pantomime, die die Musik interpretiert und ihre Affekte demonstriert: eine ordentliche Portion Mussolini, ein Schuss lateinamerikanischer Diktator, ein Quentchen Hitler, sehr viel Charles Chaplin und Tanz mit der Weltkugel.

Wagners suggestives Potpourri, von Sebastian Lang und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin mit klaren, forschen Konturen in den Raum gesetzt, liefert ein präzises und dramatisches Exposé des Herrschenwollens und Scheiternmüssens. Und auf diese thematische Konstellation haben Philipp Stölzl (Regie) und Mara Kurotscha (Co-Regie) den Rienzi zugespitzt.

Die 1842 uraufgeführte Oper des 29-jährigen Wagner verdankt wesentliche Anregungen einerseits Edward Bulwer-Lyttons Roman "Rienzi or The Last of the Tribunes", andererseits der französischen Grand Opéra. Die Figur des Cola di Rienzo, bei Bulwer-Lytton und Wagner zu Rienzi mutiert, ist die widersprüchliche Figur eines Volkstribunen, der mit aufbrausenden Ideen von Größe und Ordnung an antike Ideale anknüpfen will, die es so nie gegeben hat, und der letztlich an seiner Hybris und bei Wagner auch an der Wankelmütigkeit des Volkes scheitert.

In der Deutschen Oper wird eine Strichfassung gegeben, die das Werk auf zweieinhalb Stunden Netto-Spielzeit zusammenschnurrt. Das hat für die dramatischen und musikalischen Konturen erhebliche Folgen. Dramatisch sieht die Geschichte so aus, dass sich Stölzl und Kurotschka auf das infernale Dreieck aus Rienzi (Torsten Kerl), seiner opferbereiten blonde Schwester Irene (Camilla Nylund) und den von Widersprüchen zerrissenen Colonna-Sohn Adriano (Kate Aldrich) konzentriert haben. Alle Nebenfiguren und Nebenhandlungen sind erheblich verkleinert und an den Rand gedrängt, und die Klarheit, die da zu entstehen scheint, ist zuweilen etwas trügerisch.

Hervorragend geführter Chor

Musikalisch führen die Striche manchmal zu harmonischen Vorgängen, die Wagner so im Jahre 1842 nicht zur Verfügung standen. Der vorzüglichen Arbeit des Orchesters unter Sebastian Lang-Lessing ist zu verdanken, dass an den Schnittkanten der Musik dennoch keine Zusammenhanglosigkeit entsteht - eine vielleicht nicht spektakuläre, aber umso bemerkenswertere Leistung. Im übrigen ist von der Qualität der Orchesterarbeit vor allem deshalb nicht immer viel zu vernehmen, weil neben der genannten Dreieicks-Konstellation die vierte dramatis persona das Volk ist, also der Chor. Und der Chor und Extra-Chor der Deutschen Oper liefert unter der Leitung William Spaulding eine große Leistung. Er ist hervorragend geführt, spielt ausdrucksreich und schafft stets eine ansehnliche und angemessene Ereignisfülle auf der Bühne, und er singt so wach und mit einer so bemerkenswert gestalteten Dynamik, dass er seine große Rolle vorzüglich ausfüllt.

Ansonsten gibt es viele holzschnittartige Vereinfachungen in der Inszenierung. Torsten Kerl ist als Volkstribun Rienzi ein gewichtiger Diktatoren-Darsteller, der in langen, großflächig projezierten Szenen, teils live, teils aus der Propaganda-Konserve grimassiert, das Kinn reckt, Augenbrauen und Mund leidenschaftlich verzerrt und bedeutungsvoll mit den Armen rudert. Stimmlich gibt er sich eher sentimental als heroisch, eher lyrisch als strahlend, und seine stimmlichen Nuancierungsfähigkeiten wirken zuweilen, als seien sie zu wenig karikaturhaft für die Simplizität der szenischen Erfordernisse. Denn Subtilität kann Stölzl auf der Szene eher nicht gebrauchen, sie zieht sich in die Stimmführungen zurück, das gilt auch für den stets aufgewühlten und am Rande seiner Existenz entlang singenden Adriano, den die vorzügliche Kate Aldrich kraftvoll und präsent leiden und verzweifeln lässt. Plakativer und bekennerhafter dagegen, also dem Inszenierungsstil durchaus angemessen, artikuliert sich Camilla Nylund als Irene.

Alles ständig voller Uniformen

Das große Rom ist einerseits als Arrangement von weißen Klein-Modellen präsent, als Bühnenbild dagegen eine expressionistische Metropolis-Moderne mit zwei Ebenen, einer die öffentliche Politik, darunter einem Bunker für die in den weißen Uniformen (Bühne: Ulrike Sigrist, Philipp Stölzl).

Alles ist ständig voller Uniformen, weißen mit schwarzem Koppel für die Offiziere, schwarzen für die Mannschaftsdienstgrade, schwarzen Kleidern und weißen Uniformschürzen für die Frauen. Es gibt viele automatische Waffen, die der Kardinal (Lenus Carlson) stets bereitwillig segnet. Über allem schwebt, in alles hinein ist gedruckt das Emblem des Herrschers, ein stilisiertes R (für Rienzi, für Rom), damit hinterher niemand sagen kann, niemand habe hier etwas gewusst.

Rom ist nicht Berlin und Rienzi ist nicht Hitler, und die Missfallenskundgebungen, die sich am Ende gezielt vom Ensemble ab- und dem Regisseur zuwandten, waren wohl eher von dem Bedürfnis motiviert, das noch einmal zu bekräftigen, gegen die vereinfachende Leichtfertigkeit, mit der ein Nachgeborener aus Wagners Oper eine neuzeitliche Diktatoren-Parabel gewinnen wollte.

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