+
Sie weiß, wo sie mit ihrer Musik hin will: PJ Harvey.

PJ Harvey

Die Vögel narren

  • schließen

„The Hope Six Demolition Project“ heißt das neue Album der Engländerin PJ Harvey: musikalisch frisch, aber manchmal zu journalistisch.

Ausdrücklich eingeladen, ihr und ihren Musikern durch die Fenster von Somerset House zuzusehen, waren Londons Bürger, als PJ Harvey dort ihr neues, das mittlerweile neunte Studioalbum aufnahm. „Recording in Progress“ nannte sie ihre Aktion in ungewöhnlicher Transparenz. Ergebnis ist „The Hope Six Demolition Project“, elf zumeist zupackende, durchweg von Harvey geschriebene Songs in übersichtlichen 42 Minuten.

Vincent Gray, Ex-Bürgermeister von Washington D.C., nannte den titelgebenden Eröffnungssong bald nach Erscheinen „diese alberne Komposition“. Denn die Engländerin PJ Harvey hatte sich vorab nach Reporterart auf Reisen begeben, nach Afghanistan, in den Kosovo, eben auch nach Washington D.C., wo sie dann eine Schule als „shit hole“ und eine Straße als „a well-known pathway of death“ ausmachte. Politisch sind die Songs dieses Albums allesamt; nicht bei allen aber hat es die Musikerin, die doch auch Lyrik schreibt, geschafft, ihre beherzten Aussagen künstlerisch ausreichend zu verpacken.

Nicht an der Musik ist dabei zu kritteln. Sie ist saftig, komplex, schlägt hübsche Haken, wirkt trotzdem nicht vollgestellt, übermöbliert. Gern gibt Harvey dem (teils auch von ihr gespielten) Saxophon eine offensive Rolle, mal scharf, mal knarzend, mal melancholisch. Zu ihrer gebirgsbachklaren, so mädchenhaften wie handfesten Stimme gesellt sich stets ein Chor der Mitmusiker, sei es in einer Art Wechselgesang, sei es auch nach Gospel-Vorbild.

Ein schönes Selbstbewusstsein kennzeichnet diese Musik. Man weiß, wo PJ Harvey mit ihr hin will, ohne dass sie dafür Klischees bemühen müsste. Es ist ein frischer, nicht schüchterner, sich bei mehrfachem Hören nur leicht abnutzender Sound.

Nach Angaben von?

Zu den Songs, deren Text eher nicht gelungen ist, gehört just der erste, „The Community of Hope“ über eine Art Washingtoner Slum. Man denkt an Bruce Springsteens Erzählungen aus dem Herzen des amerikanischen Niedergangs. Springsteen aber würde es nicht passieren, dass er einerseits zuschlägt – „drug town“, „zombies“ –, andererseits seine Kritik schwächt mit einem eingeschobenen „at least, that’s what I’m told“. Das klingt wie ein journalistisches „nach Angaben von“. Als müsse PJ Harvey Rechenschaft ablegen.

Lesen Sie auch: „A Dog Called Money“ mit PJ Harvey - Reise an Orte, an die das Leben zurückkehrt

„Jedenfalls hat man mir das gesagt“: Die Distanzierung lässt sie erscheinen wie eine, die von draußen herein schaut. Und einmal – in „Medicinals“ – auch wie eine, die sich herablässt zu den Elenden und den (Ureinwohner-)Säufern.

Dabei ist PJ Harvey dort gut, dicht, poetisch sogar, wo sie sich löst von ihrem kuriosen Berichterstatter-Vorsatz „I’ll write down what I find“ (Zeile aus „The Orange Monkey“). Wo sie zum Beispiel – „Near the Memorials to Vietnam and Lincoln“ – einen Jungen beschreibt, der die Vögel narrt, indem er so tut, als werfe er Futter: „it’s just to watch them jump“.

Einen Washingtoner Journalisten als „Reiseleiter“ soll PJ Harvey unter anderem gehabt haben; man spürt leider an einigen Stellen ihres Albums, dass sie ihren Themen nicht nahe genug gekommen ist.

PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project. Island/ Universal Music.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion