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Rafal Blechacz in der Alten Oper Frankfurt.

Alte Oper Frankfurt

Virtuosität aus der Ruhe

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Rafal Blechacz und das Mozarteumorchester Salzburg spielen Chopin.

Der 33-jährige polnische Pianist Rafal Blechacz, ein sehr jung und sehr höflich wirkender Schlaks im makellos sitzenden Frack, spielt Chopin so beiläufig, dass Begriffe wie rasant oder virtuos an ihre Grenze kommen. Das Virtuosentum des damals überragenden Chopinpreisträgers von 2005 verwandelt sich am Instrument jedenfalls in eine zutiefst geistesgegenwärtige Gesamtauffassung des Geschehens. Dass dazu zur Freude des Publikums eine unheimliche Fingerfertigkeit kommt, wird von Blechacz optisch eher heruntergespielt. Man sieht einer sehr nachdenklichen, sehr abgeklärten Art zu, Chopin vorzutragen.

Das Mozarteumorchester Salzburg, geleitet von seinem Chefdirigenten Riccardo Minasi, ist beim Pro-Arte-Konzert in der Alten Oper Frankfurt ein hervorragender Partner für Blechacz’ Auffassung von Musik als durch Zurückhaltung intensivierten Vorgang: Die Besetzung überschaubar, das Zusammenspiel intim, der Kontakt der Musiker untereinander eher wie im Kammermusikmodus, der Gesamtklang sehr leicht, geradezu luftig. Zum Auftakt spielt es Franz Schuberts Ouvertüre „im italienischen Stil“ D 591, ein schwungvolles, seinem Namen alle Ehre machendes übersichtliches Stück, dessen Töne im Mozarteum-Vortrag wie mit Spiralen versehen in zusätzlichen Schwung kommen. Alles ganz unaufdringlich, aber eine tolle Werbung für den heute weitgehend als heillos eingestuften Opernkomponisten Schubert.

Vor der Pause gibt es dann Frédéric Chopins 2., nach der Pause sein 1. Klavierkonzert. Das ist eine nur scheinbar verdrehte Abfolge. Beide Werke entstanden in dichter Folge 1830 – Chopin war zwanzig Jahre alt, beide Komponisten des Programms erreichten ihr 40. Lebensjahr nicht – und vermutlich sogar in der jetzt vorgestellten Reihenfolge.

Nicht nur sorgte der Komponist und Pianist bereits dafür, dass das Soloinstrument in beiden Konzerten ausreichend zur Geltung kommt, auch Blechacz hat gegenüber den geschmeidigen, aufmerksamen Tutti keine Durchsetzungsprobleme. Der Dirigent hält ständig Blickkontakt. Das Klavier ist es, das hier die Dinge voranbringen muss und voranbringt, allerdings mit unerhörter Zartheit. Es spricht auch von Selbstbewusstsein, ein Pianissimo dieses Ausmaßes in einem dermaßen großen Konzertsaal einzufordern.

Die zuerst gespielte Nummer 2 erscheint hier als das modernere, in der Form freiere. Es gibt knochenlose Phasen, ein eigenwilliges An- und Abschwellen der Klangfülle und nachher das exzellent gestaltete scharfe Bläsersignal wie aus dem Nichts. Die Nummer 1 erschließt sich leichter. Auch dabei trumpft Blechacz mit seinem weichen, feinen, perfekt kontrollierten Anschlag auf, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Der dritte Satz zeigt sich gewitzt und voller origineller Wendungen.

Stümper und jugendliche Klavierschüler, die nachher allerdings zum Teil schon schlafend aus dem Konzertsaal getragen wurden, können bei der Walzer-Zugabe, einem typischen Unterrichtsstück, erleben, wie ein solches Werk klingen sollt. Behänd, überirdisch einfach und flüchtig nämlich. Und jetzt macht sich Rafal Blechacz doch einen Spaß daraus, schneller und noch schneller zu werden und uns alle abzuhängen. Und dann ist der letzte Ton noch überhaupt nicht verklungen, und er springt schon auf. Wie hätte der Herr Klavierlehrer da geschimpft. Wie hinreißend ist es, wenn Blechacz es tut.

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