Pianist Matsuev in der Alten Oper

Der Virtuose gegen den Holzton

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Der Pianist Denis Matsuev, das Traditionsorchester aus St. Petersburg und ihr langjähriger Chefdirigent Yuri Temirkanov überzeugen in der Alten Oper. Der Applaus fällt aber überraschend schwach aus. Von Stefan Schickhaus

Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer ist der kraftvollste Virtuose im russischen Land? Es ist womöglich Denis Matsuev, der Pianist aus Sibirien. Doch die St. Petersburger Philharmoniker, die sind mitunter noch etwas kräftiger als er, etwas lauter jedenfalls, so dass selbst ein Matsuev im Moderato-Satz des zweiten Rachmaninow-Klavierkonzerts im Orchesterdickicht zu verschwinden droht.

Der fulminante Pianist aus Irkutsk, das Traditionsorchester aus St. Petersburg und ihr langjähriger Chefdirigent Yuri Temirkanov sind gerade auf Deutschland-Tournee und waren dabei auch zu Gast in der Alten Oper Frankfurt. Die St. Petersburger sind Russlands ältestes Sinfonieorchester, und dabei doch ganz modern: Ihr Manager kam vom Fußballverein Zenit St. Petersburg, er weiß also, wie wichtig offensives Spiel ist.

Dirigent Temirkanov ist dabei die Konstante, er war bereits Orchesterchef dort, als man noch "Leningrader Philharmoniker" hieß und in Berlin die Mauer stand.

Diese Philharmoniker haben sich einen ganz besonderen Klang bewahrt, der sicher auch mit ihrer Aufstellung zu tun hat, bei der die Kontrabässe direkt neben den Ersten Geigen positioniert sind. Wenn, wie jetzt in Frankfurt, dieses Orchester die "Petruschka"-Burleske von Igor Strawinsky spielt, dann klingt das zunächst eine überraschende Spur hemdsärmelig, lässig, von kühler Ex-trempräzision deutlich entfernt.

Auf Brillanz legt es Yuri Temirkanov ohnehin nicht an, vielmehr auf eine warme Holznote, durch die dann Strawinskys grotesker Jahrmarkts-Ton umso markanter hindurchstößt. Überraschend schwacher Applaus dafür in Frankfurt. Und ein Fan, der dem Maestro Rosen überreichte mit Dornen, was die Finger des Maestros sichtlich zu spüren bekamen. Der Fan seinerseits bekam einen Blumen-Klaps auf den Kopf.

Den Beifall hatte umso kräftiger vor der Pause Denis Matsuev erhalten, vor allem nach seiner Zugabe, einer "Barbiere di Siviglia"-Transkription von Vladimir Horowitz, die sehr deutlich machte: Dieser Denis Matsuev darf noch der klassische Virtuose sein.

Niemand hat bislang diesem 35-Jährigen aus der Generation eines Evgeny Kissin, Arcadi Volodos oder Nikolai Luganski ein Etikett wie "Philosoph am Klavier" oder "Poet an den Tasten" aufgestempelt, er setzt unverblümt ganz auf die mitreißende Tastenoffensive. Das klingt, wenn passend, hübsch beiläufig, meist aber knackig und direkt, und wird doch mitunter vom profunden Holzton der St. Petersburger überlagert.

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