Pianist Víkingur Ólafsson auf Schloss Johannisberg. Foto: Ansgar Klostermann / RMF

Rheingau Musik Festival

Vikingur Ólafsson in Johannisberg: Das innere Band

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Eigentlich hatte er etwas anderes vor. Der isländische Pianist Vikingur Ólafsson spielte aber nun Debussy und Rameau beim Rheingau Musik Festival.

Es war ein besonderer Sommer, erzählt er, noch bevor der erste Ton erklungen ist. Im April wurde der Isländer Vikingur Ólafsson, Jahrgang 1984, zum ersten Mal Vater. Er nahm sich ein paar Wochen frei, um seinen Sohn kennenzulernen. Oft setzte er sich auch ans Klavier, spielte Musik, gerade solche Werke, die er noch nicht so gut kannte. Und immer häufiger, so berichtet er, blieb er dabei bei zwei Komponisten hängen, bei dem französischen Barockgroßmeister Jean-Philippe Rameau und bei dem französischen Impressionisten Claude Debussy. Ólafsson überraschte das innere Band, das er zwischen ihnen entdeckte.

Eine Verwandtschaft, die sich weniger an der Oberfläche zeigt, sondern tief darunter. Der Pianist wollte sich weiter damit beschäftigen. Und – deshalb steht er hier auf der Bühne von Schloss Johannisberg und hält seine kurze Vorrede – er änderte dafür sein Konzertprogramm. Eigentlich wollte er Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ spielen, einen Klassiker der Konzertliteratur, nun gibt es, genau ineinander verzahnt, Klavierwerke von Debussy und Rameau.

Ólafsson ist ein Könner des Kompilierens. Vor kurzem erschien bei der Deutschen Grammophon ein fantastisches Bach-Album, das Originalkompositionen und Transkriptionen zu einer neuen, fast möchte man sagen: völlig eigenständigen Erzählung verbindet. Sein Rameau-Debussy-Abend ist ähnlich gedacht, explizit wünscht er sich, dass kein Applaus den Fluss des Konzerts aufbrechen soll. Ein assoziativer Resonanzraum, zweimal knapp 50 Minuten lang, in dem die Grenzen verschwimmen und Ähnlichkeiten deutlich werden.

Ólafsson gelingt all das, ohne die Musik selbst verbiegen zu müssen. Sein Rameau ist brillant, verspielt und doch ungemein luzide. Sein Debussy wiederum phänomenal ausgehört, schillernd und klanglich tief gedacht. Und doch werden die Übergänge fließend, die Trennlinie von bald 200 Jahren unschärfer, je länger das Konzert dauert. Und manchmal vertieft auf faszinierende Weise die eine Musik die andere.

Debussys „Des pas sur la neige“ aus dem ersten Buch der Préludes, „Triste et lent“ überschrieben, wirkt etwa wie ein grüblerischer, abgründiger und doch ungemein streng komponierter Reflex auf Rameaus ganzes barockes Werk, ein Moment von ungewöhnlich atmosphärischer Dichte. Solchen Beziehungszauber abseits der herkömmlichen Konzertdramaturgie weiß Ólafsson immer wieder herzustellen. Unter den jungen Pianisten seiner Generation zählt er auch deshalb zu den spannendsten.

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