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Viagra Boys „Cave World“: Der Neandertaler am Computer

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Von: Stefan Michalzik

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Sebastian Murphy von den Viagra Boys.
Sebastian Murphy von den Viagra Boys. © Getty Images via AFP

Die Viagra Boys locken frisch und angriffslustig in die „Cave World“.

Mit dem eigenen Geschlecht gehen die Viagra Boys gerne ruppig um, der Name allein lässt tief blicken hinsichtlich einer lustvollen Dekonstruktion von Männlichkeitsbildern. Und musikalisch machen sie keine Gefangenen. Es ist die Ära des Post-Punks um 1980 herum, auf die sich das aus Stockholm stammende Sextett bezieht. Der fiebrig-harsche, referenzpralle Sound lässt Spuren vor allem von Television und Gang of Four erkennen. Sie sind sozusagen ein Außenposten des derzeitigen New Wave of British Post Punk um Bands wie die Idles, Fontaines D.C. und Yard Act.

Ein peitschender Dancebeat und ein gequetscht-trötiges Tenorsaxofon, das sind neben der belfernden Stimme von Sebastian Murphy, dem Kopf der Band, die charakteristischen Elemente, die auch auf „Cave World“ den Signatursound der Viagra Boys ausmachen, dem dritten Album nach dem Debüt „Street Worms“ (2018) sowie – fabelhaft zynischer Titel für eine Band aus dem sich lange als ein Sozialstaats-Musterland präsentierenden Schweden – „Welfare Jazz“ (2019). Andererseits ist offenbar, wie eingehend sie an ihrem Sound feilen. Dass einige der Musiker zuvor im Free-Jazz-Umfeld umtriebig waren, lässt sich besonders an einigen noisigen Momenten ablesen.

Die Viagra Boys klingen frisch und angriffslustig, was auch für die Texte gilt. In einer so drastischen wie in einer raffiniert-simplen Art gestochen klaren Sprache wettert Sebastian Murphy diesmal besonders wider die Verbohrtheit der Anhänger von Verschwörungstheorien, die er angesichts einer raunenden Infragestellung von wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen mit Höhlenmenschen, mit Neandertalern gleichsetzt.

Das Album:

Viagra Boys: Cave World. Year 0001/Bertus.

Von Fake News und Hass

„He says he don’t believe in science/He thinks that all the news is fake/And late at night he sits on his computer/And writes about the things he hates“, lauten Zeilen aus „Troglodyte“ – „Er sagt, er glaube nicht an die Wissenschaft/Er denkt, dass alle Nachrichten falsch sind/Und spät in der Nacht sitzt er an seinem Computer/Und schreibt über die Dinge, die er hasst“. Murphy erteilt diesem Mann den Ratschlag, er möge sich doch einfach eine Million Jahre zurückschicken lassen in der Menschheitsgeschichte. Noch einmal brachial bekräftigt wird das am Ende in dem Noise-Brecher „Return to Monke“.

Das Song-Ich in „Creepy Crawlers“ faselt von Mikrochips in den Vakzinen. In eine ähnliche Kerbe der Kritik an den rückschrittlich-antiaufklärerischen Strömungen in den westlichen Gesellschaften schlägt „Ain’t No Thief“: Darin erzählt der in den USA geborene Murphy von einem evangelikalen Prediger, der die Gläubigen neppt. Herrlich ironisch die an ein eher bürgerliche Lebensideale schätzendes weibliches Gegenüber gerichtete Ansage: „I Ain’t No Average Punk Rock Loser“. Auf „Big Boy“ gastiert Jason Williamson von den geistesverwandten Sleaford Mods; höhlenartige Synthieklänge prägen das interludiumshafte Instrumental „Cave Hole“.

Es wird kolportiert, dass die Viagra Boys dieses Album nach einer ersten scheinbaren Fertigstellung noch einmal vollständig neu eingespielt haben sollen. Der ersten Fassung habe es noch an Heftigkeit gefehlt. Wucht und Furor des nun vorliegenden Resultats lassen keine Wünsche mehr offen.

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