Sol Gabetta, Hélène Grimaud

Die Verwandlung der Violinsonate

Brahms, kurios: Die Cellistin Sol Gabetta und die Pianistin Hélène Grimaud mit eigenwilligem Programm in der Alten Oper.

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Sol Gabetta (Violoncello) und Hélène Grimaud (Klavier) sind zwei junge Solistinnen von hoher Konzentrationsfähigkeit. Beide ähnlich wilden wie unschwer disziplinierten Temperaments. Bei ihrem Sonatenabend in Frankfurts Alter Oper manifestierte sich das besonders in Debussys d-moll-Sonate, einem an abrupten Gesten reichen Spätwerk, dessen Zerrissenheiten akribischen Zuspruch erfuhren – in den klangvollen Pizzicati etwa, den jähen, präzis dynamisierten Zusammenführungen der Linien beider Instrumente.

Dieses Werk mutete als der „modernste“ Programmteil an, während das eingangs gespielte kurze Stück „Spiegel im Spiegel“ von Arvo Pärt, frühes Exempel von dessen glöckchenhaftem, reduzierten „Tintinnabuli“-Stil, in seiner Schlichtheit zeitenthoben anmutete, der amerikanischen Minimal music nah durch extreme Schlichtheit (Tonleitergänge beim Streichinstrument, Dreiklangsbrechungen im Klavier) und doch auch sehr fern durch den Anschein „organischen“ Fließens anstatt maschineller Motorik. Die Stille und (quasi buddhistische) Leere dieser Musik wurde ohne Unterbruch in die Fülle und Bewegtheit der Schumann’schen „Stücke im Volkston“ Opus 102 von 1849 überführt. Nach der Pause dann die merkwürdige Ankündigung einer „Sonate Nr. 1 G-Dur“ von Brahms.

Ein witziger Zeitvertreib?

Eine berühmte Violinsonate, auf dem größeren Schwesterinstrument intoniert? Tatsächlich, und man fühlte sich dabei an die legendären Kontrabassisten erinnert, die ihren Orchesterkollegen in der Probenpause als witzigen Zeitvertreib virtuose Geigenkonzerte vorzutragen pflegen. Sol Gabetta also kreierte die Brahmssonate und verwandelte ihre Stimme vom hellen, schwebenden Sopran zu fast baritonalem Timbre. Dabei erschienen manche Details gewiss kompakter, tonmächtiger als in der zierlicheren Originalversion – Doppelgriffe, Zupfpassagen, auch die schluchzende Sonorität des im zweiten und dritten Satz so nachdrücklichen Trauerthemas.

Lebhafter Beifall

Dennoch: die klanglichen Relationen zum Klavier wirkten verwischt, das Cello betonte allzusehr die Verhangenheit anstatt der engelhaften Schwerelosigkeit dieser hochsensiblen, fragilen Musik. Die Adaptation mutete schließlich doch mehr als eine interpretatorische Kuriosität an. Sol Gabetta spielte, obwohl mit dem Bogenstrich selten rechtwinklig die Saiten schneidend, tonschön und gesanglich und ohne jede „näselnde“ Beimischung. Übrigens: Johannes Brahms hinterließ auch zwei originale Violoncello/Klavier-Sonaten (e-moll und F-Dur), nur geringfügig spröder als seine drei Violinsonaten.

Beim rappelvollen Pro-Arte-Abend im Großen Saal lebhafter Beifall, der zwei Zugaben erheischte, Chopins cis-moll-Etüde (noch eine Bearbeitung) und Manuel de Fallas knappen „Polo“, bei dessen Repetitions-Attacken die souveräne Pianistin noch auffälliger mit ihrer manuellen Bravour hervortrat.

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