„Oder sind deine Gefühle verzerrt?“ Agnes Obel.

Agnes Obel

Erst verstören, dann betören beim zweiten Hören – das neue Album der dänischen Elfe Agnes Obel

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Das neue Album von Agnes Obel ist da, ihr viertes, „Myopia“.

Ach, Agnes. Wie der Ozean ist Deine Stimme, wie die schönsten Geschöpfe der Tiefsee hier, wie die sanft ansteigende Flut dort, die schiere Weite des entblößten Meeresgrunds noch kaum benetzend, doch unwiderstehlich heranbrandend bald.

So, und jetzt Schluss mit dem Gesülze. Wir müssen reden.

Das neue Album von Agnes Obel ist da, ihr viertes. Seit dem Debüt „Philharmonics“ vor neuneinhalb Jahren ging es enorm steil bergauf in der Karriere der dänischen Elfe mit Wohnsitz in Berlin. Da hatte sie längst das Land in einem Werbespot für die Telekom aufhorchen lassen (das fröhliche „Just So“, 2008), dann kam „Riverside“, die wunderschöne zweite Single in die internationalen Charts. Und spätestens mit dem Album „Citizen Of Glass“ (2016), spätestens nachdem man es siebzehntausendmal gehört hatte, musste jedem klar sein: Das kann ich auch zwanzigtausendmal hören, und immer noch wird jedes einzelne Lied frisch und leichthin sein wie der Frühling, zugleich tief und schwer wie der Herbst, doch nie mehr werde ich ohne diese Musik leben wollen, solange ich höre.

Jetzt also Nummer 4, „Myopia“. Das Wort bedeutet: Kurzsichtigkeit. Die Weitsichtigen rücken ihre Lesebrillen zurecht und seufzen erleichtert auf: Konnte ich ja nicht wissen. Das Klavier kommt, wie so oft schon, auch diesmal als Schmetterling hereingegaukelt in den Auftaktsong „Camera’s Rolling“.

„The script is burning/on heavy fuel“, die Silben so langgezogen, dass man sie nicht versteht, erst beim Blick ins Skript, „No time to lose/what will you do?“. Und in der zweiten Strophe: Die Kamera läuft, „The camera’s rolling/what will you do“, was wirst du tun, das du nicht rückgängig machen kannst? „What will you do/that you can’t undo?“ Schon früh gesellt sich eine Männerstimme in den Hintergrund, dann bald Chöre, Streicher, ein Fest für die Ohren. Ein Hauch von Schlagzeug diesmal, aber nur im Titelsong.

Doch verstörenderweise hat Agnes Obel sämtliche Songstrukturen einfach über den Haufen geworfen. Zwar war Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Solo-Refrain-Applaus ohnehin noch nie ihre Methode, nun aber steuert das Publikum bei einer sonntäglichen Ausfahrt ins Nirgendwo, kann sich an nichts festhalten, ringt kurzsichtig um Orientierung, kein Navi, keine erkennbare Struktur hat das, was da aus dem Autoradio dringt.

„Für mich ist ,Myopia‘ ein Album über Vertrauen und Zweifel“, lässt sich die 39-jährige Künstlerin von ihrer Plattenfirma, der Deutschen Grammophon, zitieren: „Kannst du dir selbst vertrauen oder nicht? Kannst du deinem eigenen Urteil vertrauen? Kannst du darauf vertrauen, dass du das Richtige tust? Kannst du deinen Instinkten und deinen Gefühlen vertrauen? Oder sind deine Gefühle verzerrt?“ Fragen, die eine gewisse Weitsicht verraten, gerade jetzt. Wie so vieles zurzeit klingen sie, als habe sie jemand für die Ausnahmesituation ausgedacht, in der wir uns befinden.

Myopia (Deutsche Grammophon/Universal)

Ein Klassik-Label, die Deutsche Grammophon, für eine Pop-Künstlerin, die sich dem Populären mit dem jüngsten Werk weniger denn je anbiedert. Passt. Können wir aber Agnes Obel vertrauen? Wir können. Auf beinahe wundersame Art verschwindet alles Fremdeln beim zweiten Hören daheim. Kantipper, kantapper schleicht sich das Vertraute zurück in die Sender-Empfänger-Beziehung. Die Pianoperlen, die Cello-Grundierung, das grollend tiefe Pizzicato. Wer braucht Songstrukturen?

Disharmonisch wird es zuweilen. Und künstlich: Ihre eigene Stimme lässt Agnes Obel modulieren, leider besonders auffällig, beinahe bis ins Lächerliche mickymausiert in der Singleauskopplung „Island Of Doom“. Im Video dazu verschwindet die Sängerin im diffusen blauen Licht, es könnte die Tiefsee sein. Jemand spielt mit Geisterhänden Klavier. Den Film hat Obels Partner, der Musiker Alex Brüel Flagstad, produziert. „So how does the night feel?“, fragt die Sängerin darin, wie fühlt sich die Nacht an, wenn die Lichter vergehen: „When the lights fade out/when the lights fade out“.

Zu dem Lied sagt sie dies: „Wenn jemand stirbt, der dir nahesteht, ist es nach meiner Erfahrung einfach unmöglich zu begreifen, dass du nie wieder mit ihm sprechen oder ihn erreichen kannst, nie wieder. In vielerlei Hinsicht ist er immer am Leben, denn in deinem Bewusstsein hat sich nichts geändert, er ist immer noch da wie alle anderen, die du kennst.“

So viel Bedeutung, so viel Schwere. Wie kann Musik das schultern? Zeit hat sich Agnes Obel dafür gelassen, vier Jahre seit „Citizen Of Glass“. Fast drei Jahre ist es her, dass sie in der Frankfurter Alten Oper auftrat mit ihrer reinen Frauenband, mit Chor und phantastisch verfremdeten Celli. Mögen die Zeiten es zulassen, dass sie wieder unterwegs ist, dass die Musik auch zurückkehrt in die Konzertsäle auf lange Sicht.

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