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Vertrackt und raffiniert

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Im musikalischen Strom: Das grandiose Contrast Trio bei der Frankfurter Sommer-Reihe Jazz im Palmengarten.

Von Stefan Michalzik

Sie musizieren mit einer lässigen Attitüde. Cool einfach. Alles haarfein abgezirkelt. Jede expressive Getriebenheit scheint nachgerade penibel sorgfältig getilgt. Ein Mont Blanc der Elaboriertheit. Einesteils. Aseptisch ist das wiederum nicht, denn zugleich auch, und das ist bei ihnen fabelhafterweise kein Widerspruch, verströmen sie eine beherzte Spiellaune.

Wie so viele Klaviertrios seit Esbjörn Svensson tangiert das Contrast Trio, das in der Variante „+ 1“ in der von der Jazzinitiative ausgerichteten sommerlichen Frankfurter Konzertreihe Jazz im Palmengarten gespielt hat, die Grenze zum Pop. Ohne Zweifel ist das seit der Gründung vor zehn Jahren (noch als Quartett) existierende Trio um den ukrainischen Pianisten Yuriy Sych und den seinen Ton mit elektronischen Filtern klanglich transformierenden Bassisten Tim Roth und den Schlagzeuger Martin Standke eines der profiliertesten jüngeren Ensembles der hiesigen Szene; der assoziierte Perkussionist Florian Dressler verhält sich kongenial dazu.

Zumindest untergründig schwingt allweil ein Groove mit. Latent, aber eben auch bloß latent, könnte das mithin Tanzmusik sein. Denn so überschaubar, so zugänglich sie sein mag, sie ist zugleich kunstvoll vertrackt.

In einer ausgesprochen raffinierten Art, ertüftelt wirkt das nicht, eher leichthin dauergespannt. Mehrfach beginnen die Stücke, überwiegend sind sie von Sych komponiert, mit flächenhaften Synthiesounds oder ostinaten Sprengseln auf dem Klavier; ein karger, klickender, tickender oder schnipsender Beat setzt ein, die anderen Instrumente kommen dazu. Das Gruppengefüge ist, ungeachtet einer Primrolle des Klaviers, auf ein kollektives Ineinandergreifen mit allseitiger Präsenz hin angelegt.

Es gibt zwar stetig bemessene Spannen der Exposition einer einzelnen Stimme, nicht aber ein Solospiel im herkömmlichen Stil. Mitunter auch bietet sich die ganze Gruppe als Perkussionsensemble dar.

In einen furiosen musikalischen Strom wandelt sich das Klangbild ständig, mit einem diszipliniert-wachen Formbewusstsein. Da klingt mal für eine Passage auf dem Klavier ein Nachhall der spätromantischen Klangsprachen eines Debussy oder Skrjabin an, dann wieder die repetitiven Muster des musikalischen Minimalismus. Zumeist sind es steigerungsdynamische Prozesse, die für einen mitreißende Drive sorgen.

Große Vorzüge schlägt dieses Ensemble vor allem aus der Weglassung. Der Eindruck einer fein austarierten Akkuratesse ist ganz und gar nicht gleichbedeutend mit Unterkühltheit. Grandios.

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