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Anna Netrebko vor dem Kurhaus in Wiesbaden.

Anna Netrebko

Verheißungsvolle Süße

Anna Netrebko stellte in Berlin Peter Tschaikowskys tiefsinnig schöne Oper „Iolanta“ konzertant vor.

Von Jan Brachmann

Die Elefantennummern auf der Opernbühne hat Peter Tschaikowsky immer gehasst: „Die Probleme der Aida und ihres Radames, der Könige und Götter mit ihren Massenszenen lassen mich ganz kalt“, schrieb er 1878. „Ich suche ein intimes Libretto von erschütternder Dramatik, auf Situationen aufgebaut, in denen ich mich selbst befunden habe oder hätte befinden können.“ Und so nannte er damals seinen „Jewegenij Onegin“ nicht „Oper“, sondern „Lyrische Szenen“.

Es bleibt die Lyrik intimer Szenen

Auf diesem Wege ist die 1891 entstandene „Iolanta“ ein Werk letzter Konsequenz. Alle Massenszenen, gesellschaftlichen Tableaus, Bälle, Paraden, Volksfeste fehlen. Es gibt nur noch die Lyrik intimer Szenen: Einsamkeit und Zweisamkeit oder die teilnehmende Beobachtung durch eine Kleingruppe. Die Musik ist dabei von durchbohrender Innigkeit und ? wie alles Vollkommene ? schwer zu ertragen. Allein schon, wie sich gleich am Anfang aus der hohl und lichtlos knarrenden Introduktion, nur für tiefe Bläser geschrieben, die Streicher und Harfen zu einem Wiegenlied erheben ? das ist von einer verheißungsvollen Süße, wie sie eine Kapsel Zyankali für einen vom Leben erschöpften Menschen haben muss.

Der Regisseur Peter Sellars hat bei seiner kürzlichen Inszenierung am Teatro Real in Madrid „Iolanta“ als Ausdruck von Tschaikowskys Todeswunsch gedeutet. Tatsächlich weist eine Notiz vom 5. Juli 1892 das Werk als Teil einer Strategie des Abschieds aus: „Meine neue einaktige Oper Iolanta muss mir sehr gut gelingen. Dann will ich noch eine Sinfonie schreiben und übergebe das Wort der Jugend“. Genauso kam es auch: Am 6. November 1893 war Tschaikowsky tot.

„Iolanta“ wird, wie auch andere unbekannte Opern Tschaikowskys, darunter „Mazeppa“ und „Die Zauberin“, gerade in ganz Europa begeistert wiederentdeckt. Die russische Sopranistin Anna Netrebko darf also mit der Aufgeschlossenheit des Publikums rechnen, wenn sie derzeit mit der Slowenischen Philharmonie und dem Slowenischen Kammerchor durch Deutschland und Österreich reist, um das Stück durch konzertante Aufführungen wieder bekannter zu machen.

Kartenpreise von 109 bis 229 Euro

Ganz ausverkauft war die Berliner Philharmonie freilich nicht. Die Kartenpreise von 109 bis 229 Euro entsprachen gewiss nur zu einem geringen Teil dem Einkommensniveau musikliebender Menschen in dieser Stadt. Zudem konnte man bei den vielen blitzenden Digitalkameras, die während der Aufführung auf Anna Netrebko im rosa Kleid gerichtet waren, und gar bei der italienischen Phrase „un viagra fantastico“ eines männlichen Besuchers den Eindruck gewinnen, dass die Musikliebe nicht das vordringliche Motiv für den Besuch war.
Wie dem auch sei ? es ist fantastisch gesungen worden. Anna Netrebko kommt diese lyrische Partie einer blinden Königstochter Iolanta, die am Ende durch einen arabischen Arzt sehend gemacht und in ihrem Schock vor allem Sichtbaren durch die Liebe des Grafen Vaudémont aufgefangen wird, sehr entgegen. Ihre Gesangstechnik ist umwerfend: Sie zieht die ganze Wärme , den ganzen Nuancenreichtum des Brustregisters in den Resonanzraum des Kopfes. Die Stimme bleibt völlig homogen und sauber in allen Lagen wie Lautstärken. Erfreulich ist zudem, dass die Sängerin heute stärker als früher auch die Konsonanten als Teil des Textes ernster nimmt und sich von der in Russland lange herrschenden Tradition reiner Vokalität beim Singen langsam löst.

Auch der Bass Witalij Kowaljow als König René, der seine Tochter Iolanta vor der Erkenntnis ihrer Blindheit bewahren will, hat mit der Noblesse und Deutlichkeit eines Liedsängers diese Partie gemeistert. Mit dem strahlenden Kavaliersbariton Lucas Meachem als Herzog Robert von Burgund und dem weichgezeichneten Leuchten in der Stimme des Tenors Sergej Skorochodow als Vaudémont ist diese Aufführung ein wahres Sängerfest geworden.

Doch es hätte mehr werden können. Allzu straff, manchmal fast zackig führte der Dirigent Emmanuel Villaume das klanglich delikat aufgelegte Orchester durch die Musik. Mehr Momente des Innehaltens hätte es gebraucht, um der untergründigen Traurigkeit aber auch der sehnsuchtsvollen Gläubigkeit dieses Stücks zur Entfaltung zu verhelfen. Der Chor preist ja am Ende Gott als den Schöpfer des Lichts. Und zur Tiefendimension der „Iolanta“ gehört der Zweifel ? des übrigens tieffrommen Tschaikowsky ? an einer Aufklärung, ja sogar die Angst vor einer Klarsichtigkeit, die uns in eine Welt ohne Güte und Liebe stößt.

Es wäre fantastisch, dieses Stück intensiver Intimität, der Angst, Fürsorge und Sehnsucht, einmal von Andreas Dresen inszeniert auf der Bühne zu sehen.

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