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Oper

Vergessene Rarität: Freischaren kidnappen Fabrikantentochter

Die Arbeiteroper „Regina“ gilt als Revolutionsoper: Dabei hatte ihr Komponist und Librettist Albert Lortzing 1848 mehr im Sinn

Bundespräsident Steinmeier mahnt, bei der Beschäftigung mit Europas Problemen auch den Aufruhr 1848 zu bedenken. Gelegenheit bietet das Humboldt-Forum in Berlin. Sein Altbau war als Preußens Stadtschloss am 18. März 1848 Ziel der Hauptbarrikade, der Streiter für Freiheit. Zum historischen Bild „Breite Straße, 18. März 1848“ ist bezeugt, dass mehr als 300 junge Leute ihr Leben ließen.

In der „Breiten Straße“ wuchs auf, der sie 1848 textete zu klassisch-romantischer Musik, „Regina“, einzige romantische Arbeiteroper, komponiert von Albert Lortzing für Robert Blum, einen der populärsten Abgeordneten des ersten frei gewählten deutschen Parlaments in der Frankfurter Paulskirche.

Als ebenfalls 1848 Richard Wagner erste Skizzen notierte zum „Ring des Nibelungen“, schrieb Berlins Theatermusiker und Komödiant Lortzing „für die neue Periode“ seine Blum- und Paulskirchenoper „Regina“. Spielt in einer Fabrik, geht um Gewalt und soziale Themen, oft mit Worten der wenig später startenden SPD.

Beginnt mit Lohnstreik (der erste war real 1889 im Ruhrrevier): „Wir wollen nicht! was hätten wir davon? Bei solchem kargen Lohn!“ Der radikale Arbeiter Stephan kidnappt mit „Freischaren“ („freier als frei“) Regina, die Tochter des Fabrikbesitzers. Im Finale wird sie befreit von „Arbeitern aus allen Klassen“: „So kommt dem Volk die Herrlichkeit“. Als Stephan Feuer werfen will in ein Pulverdepot, tötet ihn ein Schuss aus der eigenen Waffe, gefeuert von Regina.

Regina hieß auch Lortzings Frau, beliebte Sängerin in Köln und Düsseldorf, mit der er elf Kinder hatte. Seine Spielopern waren an deutschen Bühnen die am meisten gespielten Opern, „Regina“, entstanden 1848 im temporär zensurfreien Wien mit Musik in jeder Weise vor Wagner, blieb unbekannt.

Ende Oktober fehlte nur das Jubelfinale der Ouvertüre, doch Soldateska des Kaisers hatte auch in Wien den Republik-Versuch zerschlagen und füsilierte Lortzings Freund Blum, einen der prominentesten Redner im Paulskirchen-Parlament. Blum ist in „Regina“ Richard, Befreier der Regina. Blum hatte in Leipzigs Stadtrat „Sitze auch für jüdische Bürger“ gefordert und in seiner letzten Paulskirchenrede am 22. Juli 1848 statt Gewalt die Idee eines „Völkerbunds“ propagiert. „Regina“ wäre tages-aktuelle Oper gewesen. Uraufführung ohne Fälschung war erst 150 Jahre später, 1998 in Gelsenkirchen.

Anfangs „Arbeiter in großer Aufregung“, „Fabrikler“ im Streik: „Umsonst ist nur allein der Tod, Arbeit erfordert Lohn und Brot! Zahlt man dafür zu rechter Zeit, ist’s nur verfluchte Schuldigkeit. Wir werden Recht uns jetzt verschaffen, wenn nicht mit Worten, dann mit Waffen!“ Da kommt Vorarbeiter Richard, beschwichtigt die Wütenden so wie Blum, singt von „Traum“, von „Freiheit“, doch Stephans „Freischaren“ stürmen die Fabrik, entführen die Fabrikantentochter Regina. Quer durch die Oper singen Richards „besonnene“ Arbeiter von „Einigkeit“, „Recht“ und „Freiheit“, wollen Regina befreien.

Lortzing war „Kapellmeister“ im „Theater an der Wien“, sein Richard, die Gegenfigur zu Stephan, weiß wie Blum Arbeiter zu beeindrucken: „Denn frei geboren sind wir alle (…) Recht soll euch werden, denn leiden soll kein Mensch auf Erden!“ Lortzing, „Theatervollblut“, man pries sein Spiel als Narr im „King Lear“, als Opernmacher schrieb er Libretti als erster selber, vor Wagner. Agierte auf Bühnen riskant, parodierte Leipzigs Zensor Demut, sein Politiker van Bett lobt eigene Poesie als „Worte voll Salbung, voll Demut und Moral“. Als der beliebte Gaukler auf der Bühne singen sollte „Heiterkeit ist meines Lebens Regel“, redete er ins Vorspiel „für mich heißt die Regel Demut“ – Parkettjubel, aber eine Woche Haft.

Bei der Rückkehr auf die Bühne Ovationen. Er dankte, „mehr zu sagen verbieten mir Bescheidenheit und Demut.“ Jubel und bleibender Groll der Obrigkeit, die verfügte Entlassung, Studenten stoppten Abende mit „Lortzing hier bleiben!“ Zweimal vertrieb Leipzig den Publikumsliebling samt kinderreicher Familie.

Sie flüchteten nach Wien, wo er 1848 Arbeiter singen lassen wollte: „Beschlossen ist, zu Ende sei / die Knechtschaft und die Tyrannei!“ Im Oktober 1848 fehlte nur der Schlussjubel, „Regina“ kam auf keine Bühne. Unverfälscht erst 1998 im Ruhrgebiet, Regie Peter Konwitschny. Erstaunte Medien-Echos, etwa übers Finale I mit acht Solisten und zwei Chören: Bewaffnete gegen Zivilisten, „Entsetzen und Schrecken erstarren das Blut. Wir flehen zum Himmel um Fassung, um Mut!“

Polit-Oper eines Komikers? In seinen Spielopern ist Komisches nie unpolitisch. Stadt-Chef van Bett in seiner Zarenoper ist ein Trump des Vormärz, preist ungeniert „meines Geistes Siege, denn ich weiß zu triumphieren und zu bombardieren“, das irritierte mich als Kind 1944 im bombardierten Essen. Van Bett singt am Beginn 47mal „Ich“: „möchte rasen… bin ganz aufgeblasen… klug und weise… ein zweiter Salomo… weiß am Gängelband zu führen“. Und hat „Staatsgeschäfte“, schon er mit Russland. „Doch kaum schaut der Morgen in meine Kammer, so rufen die Akten, die Akten mein Genie!“ Als Zar Peter feiert er irrtümlich einen russischen Deserteur, diesen „Feind jeden Zwangs“ musste in Leipzig 1838 schon der Autor selber singen.

Lortzings Soldaten-Oper preist Frieden und Liebe, sein „Wildschütz“ schießt daneben, Böcke schießt der Adel: „und nun auf einmal: Kapitalist!“ „Undine“ endet mit Geistern, die „ewigen Frieden“ träumen. Als kurz vor 1848 im „Waffenschmied“ „der Rat der Stadt einen Aufstand fürchtet“, singt der Waffenschmied Konjunktive: „Wenn Rechtlichkeit käme als Waffenschmied – in Sachen des Glaubens kein Streit, das wär eine köstliche Zeit“.

Lortzing kam ohne jede Akademie aus Theater- und Hungerleben. Mit Blum plante er 1835 eine Freiheits-Oper über die Ynka, das stoppte Doktor Demut, Priester segnen da Erpressung und Raubmord. Die Arbeiter-, Blum- und Paulskirchen-Oper Regina gilt als Revolutionsoper, preist aber keine Revolution, sondern das unendlich Schwierigere, Freiheit. Richard, „ewiger Zweifler“, liebt Regina, sein „ich glaube kaum den schönen Traum“ dominiert die Oper. Auch Stephan umwirbt Regina, „die mich erschauen ließ ein irdisch Paradies“. Stephans Akteure: „Hinaus mit jedem üblen Rat, der nie des Volkes Wohl vertrat, der glaubt, es fang beim Edelmann nur eben erst der Mensch sich an, hinaus mit Stock und Reisesack das ganze Jesuitenpack!“ Mit „Freischaren“ überfällt Stephan Reginas Verlobung mit Richard, flambiert die Fabrik, raubt die Braut.

Am Ende umzingelt Richard den Kidnapper mit „Arbeitern von allen Klassen“, Stephan will Feuer werfen in ein Munitionslager, das stoppt Reginas Schuss. Jubel des Volks: „Nun kommt der Freiheit großer Morgen, Heil Freiheit!“ Der vaterländischen Epoche zum Trotz ist Freiheit bei Lortzing nicht „deutsch“, sondern „Völkerzier“: „Das Volk lässt sich nicht spotten“. Die letzten Ouvertüre-Takte sollten (wie schon in „Undine“) das Opernfinale hören lassen, den Volksjubel, doch in Wiens Brigittenau wurde Blum am 9. November 1848 exekutiert – das markiert nicht nur das Scheitern des deutschen Republikversuchs.

Lortzing endete in Berlin in unsäglicher Not, auch Berliner Bühnen brachten Stücke von ihm, in seiner Todesnacht vier, ohne zu zahlen, Wilhelm Raabe weiß das in der „Chronik der Sperlingsgasse“. Lortzings Letztes über „Regina“: „Sie wartet. Auf bessere Zeiten“.

1998 war, wie gesagt, beachtete Premiere im größten deutschen Stadtgebilde, folgten Linz, Wuppertal, Karlsruhe, Ludwigshafen, Kaiserslautern, zuletzt, vorzüglich, Meiningen, derzeit Gießen. Kenner lobten früh Lortzings melodiöse Ensemblekunst, sein „Stimmrecht für Jeden“.

„Regina“ verdiente große Häuser und Stimmen, bleibt zu entdecken – wie 1848 als Zeugungsjahr des Grundgesetzes, dessen Geburt sich bekanntlich verzögerte um hundert blutige Jahre. Nach 1848 hatten Demokratie-Gesänge wie „Heil Freiheit!“ keine Chance, wurden überdröhnt von narkotisiertem „Heil“. Besungen wird in der verfrühten Politoper nicht Deutschland, sondern, wenn schon, dann der Planet: „Leiden soll kein Mensch auf Erden“ und „Völker“ und „Volk“, „das Volk lässt sich nicht spotten“, und, im Reim auf „Freiheit“: „So kommt dem Volk die Herrlichkeit“.

„Revolutionsoper“ hielt das unter Verschluss. „Sein Lied war deutsch“ steht auf seinem Grab. Weder „Revolution“ noch „deutsch“ besang er je, wenn schon, dann wäre „französisch“ genauer, seine überaus spiel- und wortgewandte Mutter aus der Familie de la Garde vergötterte er.

Passen würde auch Nähe zum Jüdischen, da geisterte im „Biedermeier“ ein dreistes Liederspiel „Men ken leben nor man lost nicht“, „Man könnte leben, aber sie lassen uns nicht“, ein Stück im Arbeitermilieu, unter solch denkwürdigem Titel wurde eines der Lieder weltweit Hit im Jazz: „Für mich biste scheen“. Auch da liebt ein Arbeiter die Tochter des Fabrikbesitzers. „Weil er sich gewerkschaftlich betätigte“, wird er gefeuert, heiratet dennoch die Kapitalistentochter.

Bisher waren Lortzings Opern stets inszeniert worden. Für „Regina“ machte er sich 1850 Hoffnungen in Berlin bei Maestro Meyerbeer. Lortzings tödlicher Infarkt 1851 stoppte das und offenbarte bittere Armut, überraschend bei einem allseits Inszenierten. Für die hilflose Familie kam Beistand, Meyerbeer ließ sammeln. Sorgte für würdige Bestattung, war persönlich anwesend am 24. Januar 1851 auf dem Sophien-Friedhof. – Das Material zum Europa-Dokument „Regina“ hat seit 1998 unverfälscht Ricordi, der Verdi-Verlag. Muss es in großen Bühnen und im TV weiter warten, „auf bessere Zeiten“?

Der Autor, 1936 geboren in Essen, lebt als Schriftsteller in Freiburg .

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