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HANDOUT - Die Sängerin Anohni (ehemals Antony Hegarty) in einer undatierten Aufnahme. Das Album "Hopelessness" von Anohni erscheint am 6. Mai 2016. Foto: Rough Trade Records/dpa (zu dpa ""Hopelessness": Antony Hegartys erstes Album als Transgender Anohni" vom 02.05.2016 ACHTUNG: Verwendung nur zu redaktionellen Zwecken in Verbindung mit der Berichterstattung über das Album "Hopelessness" von Anhony bei vollständiger Quellenangabe Foto: Antony Hegartys/dpa) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Anohni alias Antony Hegarty

Verbrenn das Tier

Toll auch im Scheitern: „Hopelessness“, das mutige neue Album von Anohni, vormals Antony Hegarty.

Von Jens Balzer

Sollen sie brennen! Warum denn auch nicht? „Ich will, dass die Hunde um Wasser schreien / ich will die Fische bauchoben in der See treiben sehen“, singt Anohni in dem überaus euphorischen Stück „4 Degrees“, „ich will den Himmel entflammen / und die Luft brennen sehen / ich will, dass die Tiere in den Bäumen sterben“. Dazu werden aufmunternde Fanfaren von elektronisch simulierten Blechbläsern geschmettert und stramme Paukenrhythmen geschlagen. So verwandelt sich die sonst so sorgen- und schmerzvolle Sängerin in einen höhnischen Klimateufel, der die Menschheit zur Erhitzung ihrer Atmosphäre auffordert, allein schon der herrlichen apokalyptischen Bilder wegen: „Jetzt los! Es sind doch nur vier Grad!“

Verwandlungen aller Art sind ein leitendes Thema auf „Hopelessness“, dem neuen Album der Sängerin Anohni, die ihrerseits gerade erst durch eine Verwandlung zu einer solchen geworden ist. Bis vor kurzem noch trat sie als geschlechtlich unbestimmbares Wesen mit einem männlichen Namen auf: Als Antony Hegarty musizierte Anohni in dem kammermusikalisch geprägten Ensemble Antony and the Johnsons; seit Ende der Neunziger brachte dieses vier Alben und diverse EPs heraus, auf denen Antony mit seiner herzzerreißend schönen, wiederum unbestimmbar zwischen „männlichen“ und „weiblichen“ Intonationen, „schwarzem“ Soul und „weißem“ Liedgesang changierenden Stimme über die Wonnen des Werdens und des passiven Genießens sang, über die masochistische Lust am Schmerz, am Aufschub und Nicht-Identischen.

„Hopelessness“ hat Anohni nun erstmals nicht mehr mit den Johnsons aufgenommen, sondern mit zwei elektronisch arbeitenden Produzenten. Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never hat mit ihr schon 2010 eine nachtdunkle Single zum Lobpreis der ewigen Wiederkehr aufgenommen („Returnal“) und flicht in seinen eigenen Kompositionen flirrende hypereklektische Klangbilder aus uralten Synth-Sounds und neuesten Internetschnipseln. Ross Birchard alias Hudson Mohawke wurde ebenfalls um 2010 herum mit einer hektisch verschepperten, sonderbar zerbeult wirkenden Beatsprache bekannt; auf seiner hervorragenden LP „Lantern“ aus dem vergangenen Jahr sang Antony zu spartanischen Klavier- und schrillen Störklängen und gülden geloopten Fragmenten seiner eigenen Stimme von unsterblicher Liebe („Indian Steps“).

Für die elf neuen Songs auf dem Anohni-Album haben beide Produzenten ihr vertrautes Terrain verlassen und eine Art elektronischer Variante des Antony-typischen Kammerliedklangs entworfen. Von ihren charakteristischen Klang- und Beatbildern ist dabei wenig übrig geblieben; was man schade finden kann, weil der raumgreifenden Stimme von Anohni auf diese Art wenig entgegengesetzt wird.

Politische Ästhetik

Doch gibt es genug andere Arten der Ambivalenz, aus denen die Musik ihre Dynamik und also Lebendigkeit schöpft. Man höre allein das Eröffnungsstück „Drone Bomb Me“: Darin wendet Anohni sich mit schmachtender Stimme im schwelgenden Stil einer romantischen Ballade an eine allmächtige Gottheit, die auf sie hernieder blickt. Anohni fleht darum, von ihr auserkoren zu werden. Doch versteht man bald, dass die beschworene Gottheit nicht die Liebe ist, sondern der Tod. Denn das Lied ist aus der Perspektive eines afghanischen Mädchens geschrieben, dessen Familie von einer US-amerikanischen Drohne getötet wurde; nun bittet das Mädchen die Herren der Drohnen darum, auch sie in den Himmel zu schicken.

Dergestalt sind die interessantesten Stellen auf diesem Album: An ihnen gelingt es Anohni, die typische Ambivalenz ihrer Musik – den Lobpreis der Nicht-Identität, das Oszillieren der Perspektiven – in eine politische Ästhetik zu übersetzen. Diese lässt keinen Zweifel an der zugrunde liegenden Haltung, geht aber zugleich nicht in der schlichten Botschaftsübermittlung des älteren Protestlieds auf. Das Video zu „Drone Bomb Me“ schärft diese Ambivalenzen noch, indem die Stimme Anohnis ausgerechnet in den Mund des Super-Models Naomi Campbell gelegt wird. Campbell sitzt in einer von dem Givenchy-Designer Riccardo Tisci schick gestalteten Gefangenenkluft in einer Folterzelle und singt und weint falsche Tränen. So bekennt Anohni sich nicht nur zu ihrer Scham, einer kriegführenden Nation anzugehören, sondern auch zu der konstitutiven Verlogenheit jener kulturindustriellen Maschinerie, in der sie das Bekenntnis zu dieser Scham allein in öffentlichkeitswirksamer Weise zum Ausdruck zu bringen vermag.

Nicht alle Songs sind so reflektiert und gelungen. Der Tiefpunkt ist fraglos die Suada „Obama“, in der Anohni mit grabestief hinuntergepitchter Grunzstimme den gleichnamigen, einst als Hoffnungsträger gefeierten US-Präsidenten wegen seiner Verfehlungen ins Gebet nimmt; und wenn kurz vor Ende in dem Stück „Execution“ die USA für das unbeirrbar weise Festhalten an der Todesstrafe gerühmt werden, verkommt der zunächst so interessant wirkende Mephistophelismus zur Masche.

Doch selbst dort, wo „Hopelessness“ scheitert, ist es immer noch ein mutiges, wegweisendes Werk; ein noch nicht zum Abschluss geführter Versuch, für die politische Popmusik eine gegenwartstaugliche Sprache zu finden.

Anohni: Hopelessness. Rough Trade/Beggars/Indigo.

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