Szene aus „Tactile Prototypes“ im Gallus-Theater.
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Szene aus „Tactile Prototypes“ im Gallus-Theater.

„Tactile Prototypes“

Urklang und Spätkultur

  • vonBernhard Uske
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Ein Traktat über den Klang im Frankfurter Gallus-Theater.

Ein Traktat über den Klang müsste beginnen mit dem Traktieren von Dingen. Ein Vorgang, den man sich gut in den Höhlen der steinzeitlichen Kultur, mit dem Schamanen als dem Berührer und Vermittler solch schwingender und bebender, sich verlautbarender Gebilde vorstellen kann. Totems von in der Luft schwebenden Verkündigungen, die die Zuhörer selber in Schwingung versetzen und sie hören lassen. Ein Geschehen, das bis heute in sublimer Form bei jedem Konzert gleich welcher Höhenlage anklingt.

In eine solche Höhle hat sich für drei Tage das Gallus-Theater mit dem Motto „Tactile Prototypes“ verwandelt: der schwarze Bühnenraum kahl wie der Saal mit seiner schütteren, coronazeitlichen Bestuhlung. Auf der Spielfläche ein großer Klangkörper wie ein reduziertes, liegendes Skelett aus verstrebten Holzbalken, gleich aneinandergesetzter und sich verjüngender Tische ohne Platten. Auf den Querbalken mit Saiten bespannt.

An diesem Instrumental-Monstrum und drei Klang-Satelliten (Instrumentenbau: Friedrich Hartung) bestreiten Gregor Glogowski und Diego Ramos Rodriguez die Performance, indem sie mit Hand und Bogen das knöchrig-hölzerne Monument berühren und animieren. Ein Entfaltungs- und Zähmungsprozess zugleich. Zu Beginn noch an Hörnerven zerrende Gestaltlosigkeit eines gewaltigen, stehenden Klangbandes. Dieses in immer weiterer Zerteilung, Verfeinerung und Detail-Formung: Ur-Klang und Spät-Kultur. Unwillkürlich musste man an jene Künstler denken, die zu Beginn der industriellen Moderne und deren regulierenden Zumutungen Ausschau hielten nach den Wurzeln alles Klingenden mit seiner Macht und seinen Attraktionen – an Debussy, Strawinsky, Varèse.

Eine schrillende Wolke

Dass schon zu Beginn des Abends in der Gallus-Klanghöhle die schabende und schrillende Klangwolke an das Arpeggio übersteuerter Elektro-Gitarren bei den einschlägigen Exaltationen der modernen Star-Schamanen erinnerte, kam nicht von ungefähr. Denn bei allem urtümlichen Klang-Totemismus, der reizvoll in unterschiedliches Licht getaucht wurde, kam der frühen Klangmagie die Magie der elektro-akustischen Verstärkung der späten Moderne zu Hilfe. Elektrischer Strom und Digitalität nämlich, die die Imagination von Raumöffnungen und Tonzerlegungen in mikro- und makrologischer Form betreiben.

Zuletzt standen zum Applaus denn auch nicht nur die beiden „neolithischen“ Schamanen, sondern noch weitere Akteure auf der Bühne: die zeitgenössischen Hohepriester der technischen Tongestaltung, die am Mischpult als dem Altar aller modernen Klangwandlung im Hintergrund die Offenbarung seiner Kraft und Stärke zelebrierten.

War es Zufall oder Absicht – jedenfalls passte trefflich dazu die Ausstellung von Bildern Pia Eisenbarths im Foyer. Abstraktion einer magisch wirkenden Peinture in Materialformen wie Sand, Marmormehl oder Jute und Baumwollgeweben mit eigentümlichen Einritzungen und Figürlichkeiten. Sie schienen die Höhle von Altamira oder Lascaux im Kontext der Kaffeetischchen und Stühle des Gallus-Theaters zu avisieren.

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