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Christina Aguileras Stimme, eine der schönsten, die es zu weltweiter Bekanntheit gebracht haben.

Christina Aguilera

Unterwegs zu sich selbst

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Christina Aguileras neues Album "Liberation" lässt sich hören, und es macht Mut, wenigstens ein bisschen.

Christina Aguilera hat ein neues Studioalbum gemacht, das erste seit sechs Jahren, ihr achtes insgesamt. Es ist ein abwechslungsreiches Album, mit vielen unterschiedlichen Stilrichtungen, von der Ballade über den Popsong und den Rockriffstampfer bis zum HipHop-Mix-up, produziert von jeder Menge Leute, darunter als bekanntester Kanye West. 

Ist es ein gelungenes Album? Ja. Warum? Weil es gute Songs enthält, die eine oder andere gute Botschaft und vor allem: Christina Aguileras Stimme, eine der schönsten, die es zu weltweiter Bekanntheit gebracht haben. 

Mit zweitem Vornamen heißt die 37-jährige US-Amerikanerin: Maria, und so heißt auch das tragende Lied des ersten Albumdrittels. Zwei einleitende Tracks führen dorthin, zwei Appetitmacher, darunter der instrumentale Titelsong „Liberation“, Befreiung, und dann wird das Ziel benannt: Maria, also Christina, will zurückkehren zu sich selbst, zum kleinen Mädchen von einst, das lebendig und inspiriert sein wollte – „bevor die unschuldige Begeisterung durch die ganzen Business-Elemente in Mitleidenschaft gezogen wurde“, steht im Promo-Text zum Album. Im Business-Element Promo-Text, könnte man dazusagen. 

Erst Süßigkeit, dann Dreckstück

Ob das eine gute Idee ist, zu dem kleinen Mädchen zurückzukehren? Damals war Aguilera ein Kinderstar im Disney-Club des US-Fernsehens, so wie Britney Spears, ein weiterer Superstar, der nie aus der Falle herausgekommen ist, die es bedeutet, ein Wunderkind gewesen zu sein. Beide machten Ähnliches durch: erst Süßigkeit, dann Dreckstück, beide Versionen von den Leuten produziert, die entscheiden, wann sich welches Image im Leben einer jungen Frau am besten verkaufen lässt.

Christina Aguileras Bild in der Öffentlichkeit verkam in dieser Phase zum Prototyp der jungen Frau, deren Lieder man nicht mehr im Ohr hat, weil ihr Körper zu weit in den Vordergrund gerückt wurde. Dabei findet, wer sich zurückklickt durch die vergangenen 15, 20 Jahre, solche Perlen des R&B-Gesangs, eine so überwältigend kraftvolle Stimme aus so einem oft ausgemergelt wirkenden Mädchen, dass man weinen möchte. 

Jetzt ein dezidiertes Aufstampfen: Ich bin hier, ich werde mich nicht anpassen, ich mache jetzt mein Ding, wie es in dem Lied „Fall In Line“ sinngemäß heißt. Davor, wieder einleitend, geben ganz viele Mädchen bekannt, was sie mal werden wollen (Präsidentin, Superheldin, Doktorin, Drehbuchautorin, Sängerin, Boss, also, Bossin). Das passt ins #MeToo-Zeitalter, aber das habe sie schon vor Jahren geschrieben, betont Aguilera. Und klar, denkt sich der Musikhörer, während er in der Vita der Sängerin liest, sie hatte wahrlich schon vor Jahren genug Grund dazu. Und klar, nicht nur sie.

Auf den ersten Eindruck ist unter den 15 Albumtracks zwar kein Song für die Ewigkeit dabei, wie es etwa „Beautiful“ (2002) war, „Hurt“ (2006) oder auch der Gemeinschaftskracher „Lady Marmalade“ (2001) mit Pink, Li’l Kim und Mya. Aber „Sick Of Sittin‘“ rockt schon ganz ordentlich. Und einen kommenden Charts-Hit erkennt man ehrlich gesagt manchmal gar nicht nach zwei-, dreimal anhören. Als angenehmer Eindruck bleibt, dass hier womöglich eine erwachsene Frau singt, die bei sich selbst ankommen will. Dass noch ein Stück Weg vor ihr und vielleicht auch vor uns allen liegt, zeigt das Business-Element CD-Booklet. Die billigen Busenbilder darin mussten wohl sein. Oder gehört das zur Befreiung? 

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