Lucinda Williams.
+
Lucinda Williams.

Pop

Unterwegs mit Engeln

  • Olaf Velte
    vonOlaf Velte
    schließen

Auf dem neuen Album von Lucinda Williams und ihrer famosen Band ist der Zorn groß und die Erlösung möglich.

Wer einmal ihre 2008er Version von „It’s a Long Way To the Top“ gehört hat, wird es so schnell nicht vergessen. Es ist zweifellos ihr Song – auch wenn er einst im AC/DC-Hammerwerk geschmiedet wurde. Ein Albumabschluss, dem seitdem viele gefolgt sind. Der ein Dutzend Jahre später veröffentlichte Ausklang ist wiederum bemerkenswert, lange nachklingend, wachsend.

„Good Souls Better Angels“ hat Lucinda Williams das neue, mittlerweile 14. Album getauft. Nach den starken Vorgängerdoppelscheiben „The Ghosts Of Highway 20“ und „Down Where the Spirit Meets the Bone“ wird hier der nächste kunstvoll behauene Brocken ins Werkverzeichnis gestemmt. – Und die 1953 in Louisiana geborene Poeten-Tochter ist dorthin zurückgekehrt, wo ihre musikalische Wiege steht. Mehr als vier Jahrzehnte ist es her, dass sie mit der Blues-Platte „Ramblin‘“ debütierte, ihre Seele den Delta-Mysterien weihte.

„You Can’t Rule Me“ heißt heute die Eröffnungsnummer mit Signalwirkung. Roh gestampfter Bluesrock, der umgehend klarstellt: Schreibt’s euch hinter die Ohren! Was ohne Firlefanz und innerhalb kurzer Zeit auf die Bänder von Ray Kennedys Nashville-Studio gelangt ist, hat thematische Grundierung und direkten Zugriff. Lucinda Gayle Williams, deren Texte ja schon immer eigenständiges Format hatten, liefert in einem Dutzend Songs und knapp 60 Minuten Dauer die Inventur einer Zivilisation am Siedepunkt.

Dass die Angelegenheit zur Hölle fährt, ist auf dieser großartigen Platte abgemachte Sache. „It’s not a matter of how, / it’s just a matter of when“, resümiert die Sängerin in dem auf Trump (und Konsorten) gemünzten „Man With-out a Soul“ – tatsächlich eine Single-Auskopplung mit Sinn. Dunkle Bestandsaufnahmen zuhauf: „Bad News Blues“, „Big Black Train“, „Shadows & Doubts“. Gemütsverstimmungen drohen dennoch nicht. Selten wurde schwere Fracht auf solch anmutigen Kähnen transportiert: Wassernahe Schatten, über denen das letzte Licht des Tages quecksilbrig perlt.

Zuständig für musikalischen Reichtum und springlebendige Variationsbreite ist Williams’ langjährige Tour-Band, ein Trio, dem alles zuzutrauen ist (auf der Bühne werden zuweilen Black Sabbath und Santana im Swamp-Bottich weichgekocht). Ellenlange Jams inklusive. Gitarrist Stuart Mathis, David Sutton am Bass und Schlagzeuger Butch Norton bereiten das durchwässerte Kiesbett, in dem sich die Gesangsstimme einschlämmen kann. Überhaupt ist Williams’ Ausdruckskraft nun auf dem Zenit jeder Mitteilungsintensität: von biblischer Wucht die aufgerufenen Bilder, alttestamentarisch das geisterhafte Krächzen und Säuseln und Wispern.

Wenn Zorn die Stimmbänder und Musikantenhände lenkt, hagelt ein Sperrfeuer aus punkzersplittertem Bluesgefetze nieder. Verachtung für all die Eiferer, Brandstifter, das Teufelspack allerorten, bricht sich in „Bone Of Contention“ ungehemmt Bahn. Auch das auf Gewalt im Familiengeviert reagierende „Wakin’ up“ ist von ähnlichem Kaliber. Geschont hat sich die auf dem Interstate 20 Sozialisierte nie, zu Gefallen muss sie längst niemandem mehr sein. Eher unwahrscheinlich, dass sie ihre Ruhe auf fortdauernder Lebensbahn gefunden hat.

Zwei Lieder markieren das Ende der Reise. An die Gespenster-Meditation „Faith and Grace“ vom vorherigen Album gemahnt „Big Rotator“, ein Gospel-Trance-Stück, in dem Dämme geschichtet und Brücken zersägt werden. „Good Souls“ fließt dann in 7.35 Minuten hinüber in jene Gefilde, wo der Glaube stark und die Erlösung vorstellbar ist. „Keep me with all of those / who help me find strength / when I’m feeling hopeless.“

Es kann – und da sind wir uns einig – nur eine vorübergehende Ruhe sein, ein stecknadelkopfgroßes Hoffnungspartikelchen. Denn ist es nicht schon vorhergesagt in dem alten, weisen Lied, das da „It’s a Long Way To the Top“ überschrieben ist? – „Gettin’ old / gettin’ grey / gettin’ ripped off / underpaid / gettin’ sold / secondhand / that’s how it goes / playin’ in a band.“

Kommentare