"Rosenkavalier" in Stuttgart

Unterm Reifrock der Revolution

Wenn Stefan Herheim eine Oper erzählt, dann geht es um große Themen und opulente Bilder. Bei seinem mit Spannung erwarteten "Rosenkavalier" in der Stuttgarter Staatsoper ist das nicht anders.

Von Georg Rudiger

Wenn Stefan Herheim eine Oper erzählt, dann geht es um große Themen und opulente Bilder. Bei seinem mit Spannung erwarteten "Rosenkavalier" in der Stuttgarter Staatsoper ist das nicht anders. Die Feldmarschallin ist für ihn die von Jupiter auf einem Stier geraubte Europa, und dieser "Rosenkavalier" entsteht in ihrem Kopf. Es ist ein Blick zurück auf ihr Leben, auf unerfüllte Sehnsüchte, auf verdrängte Sexualität, auf beschnittene Freiheiten. Wandbilder werden lebendig, Träume und Realitäten überlappen sich.

Und so bevölkern, nach den brünstigen Hornrufen der Orchestereinleitung, allerlei Satyrn die Bühne, die mit ihren erigierten Stoffpenissen die Perückenträger bedrängen (Kostüme: Gesine Völlm). Auf einer zweiten Ebene erzählt der norwegische Regisseur von europäischer Geschichte. Die französische Revolution schwappt in den zweiten Akt hinein, die Dekadenz vor dem Ersten Weltkrieg ist im dritten Akt zu spüren - der "Rosenkavalier" als Endzeitstück.

Die Bühne von Rebecca Ringst ist eine Kuppelkonstruktion in der Form des prächtigen blauen Reifrocks, den die Feldmarschallin trägt. Hier, sozusagen unter der Gürtellinie, wird dieser "Rosenkavalier" erzählt. Ein sinnenfrohes, im Stil von Hans Makart gemaltes Breitwandgemälde vom Raub der Europa bildet den Hintergrund.

Eine Reihe von Pannen prägt den Beginn. Ein Vorhang klemmt, der Schnabelschuh des Mohren landet im Orchestergraben, die Verwandlungen der Bühne sind mit störenden Nebengeräuschen verbunden. Auch nervt das dauergeile Personal, das das Erzählen der eigentlichen Geschichte verhindert. Zwischen Octavian (mit manchmal etwas zu viel Mezzopower: Marina Prudenskaja) und der Feldmarschallin (farbenreich, aber in der Höhe etwas wackelig: Christiane Iven) entsteht keine Beziehung. Die beiden stehen meist etwas unbeholfen herum oder werden vom rustikal-rammelfreudigen Baron Ochs auf Lerchenau (souverän bis in die Tiefen der Partitur: Lars Woldt) betatscht.

Es liegt auch an der Musik, dass dieser "Rosenkavalier" schwer in Gang kommt. Das Staatsorchester Stuttgart kann unter der Leitung von Manfred Honeck vor lauter Kraft kaum laufen. Der perlende Konversationston der Oper wird im Fortissimo erdrückt, den Holzbläsern fehlt die Eleganz.

Im zweiten Akt ist es die junge Sophie (fragil und höhensicher: Mojca Erdmann), die im blauen Kleid der Marschallin steckt - ihr Zusammentreffen mit dem Rosenkavalier Octavian wird für die Gealterte zur nostalgischen Erinnerung an ihre eigene Jugend. Wieder stört der hier in roter Perücke erscheinende Ochs die Idylle und wird schließlich vom als Gockel auftretenden Faninal (etwas brummbassig: Karl-Friedrich Dürr) seiner künstlichen Haarpracht beraubt: Zwei Hörner sind auf Ochs´ Glatze zu sehen.

Der omnipräsente Walzer wird zum Tanz auf dem Vulkan, der Traum wird zum Alptraum. In den Schreckensvisionen von Ochs während des grandios gespielten Rendezvous mit Mariandel (Prudenskaja, jetzt urkomödiantisch) im dritten Akt erscheinen Kinder in Uniformen, die Gäste im Caféhaus tragen Gasmasken und Eselsohren.

Auch die vielen skurrilen Tiergestalten, die schon das Lever der Feldmarschallin im ersten Akt zur Groteske werden ließ (schmierig: Torsten Hofmann/Valzachi als Kakerlake), kommen wieder aus ihren Löchern gekrochen - ein Panoptikum, das von dem Stuttgarter Staatsorchester mit forcierten Walzerklängen zum Drehen gebracht wird. Die Katastrophe verhindert Herheim nur durch die Feldmarschallin alias Europa, die nicht ganz ironiefrei als Deus ex machina von der Decke im Sternenkranz herabschwebt.

Am Ende sitzt sie (mit Faninal) in einer Loge der Stuttgarter Staatsoper und schaut von außen auf das Geschehen. "Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein", singen Sophie und Octavian im berückenden Duett vor einem Sternenhimmel, während im Vordergrund Pan (Thomas Schweiberer) an der silbernen Rose verblutet. Er selbst hatte die Rose aus den Scherben des Spiegels zusammengefügt, den die Feldmarschallin zu Beginn der Oper zertrümmert hatte.

Bei so viel reiner Liebe wie zwischen Octavian und Sophie hat Pan nichts mehr zu melden. Oder doch? Zu den letzten, hineinpolternden Tönen von Richard Strauss wird die Gestalt wieder lebendig - das pralle Welttheater des Stefan Herheim könnte von vorne beginnen.

Staatstheater Stuttgart: 5., 11., 15. November, 13., 23., 27. Dezember. www.staatstheater-stuttgart.de

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