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So gut wie ein Paukenschlag: Jean Nouvels „Philharmonie von Paris“.

Nouvel Philharmonie Paris

Unter vollen Segeln

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Dank Jean Nouvels neuer Philharmonie kann es die Opernhauptstadt Paris auch zur Konzertkapitale bringen. Allem Gezacker vor der Eröffnung zum Trotz.

Ist man erst einmal im Innern angelangt, ist aller Unbill vergessen. Die einstündige Anreise in den äußersten Osten der Hauptstadt; der enttäuschende Anblick des an ein verunglücktes Raumschiff erinnernden Konzerthauses, aus dessen aufgeplatzter Beton- und Aluminiumhaut Unförmiges quillt; das fröstelnd Schlangestehen vor den Eingangstoren, hinter denen sich Metalldetektoren als dem Andrang nicht annähernd gewachsene Sicherheitsschleusen entpuppen. Denn drinnen in der vom Architekten Jean Nouvel konzipierten neuen Pariser Philharmonie wartet reicher Lohn fürs Auge wie fürs Ohr.

Die Akustiksegel an der Decke und die an schwebende Wolken gemahnenden Balkone und Ränge versprechen nicht zu viel: Der Klang schwebt ebenfalls. Schwerelos, kristallin breitet er sich aus, endet in einem warmen Nachhall.

Paradiesische Akustik

Die Pianistin Hélène Grimaud füllt das 30 500 Kubikmeter weite Rund an diesem Abend mit Kompositionen, die vom Wasser künden. Und die Zuhörer lassen sich nur gar zu gern davontragen von Luciano Berios Wasserklavier, Toru Takemitsus „Rain Tree Sketch“ oder Maurice Ravels „Jeux d’eau“.

Paradiesische Zustände wären das, die pure Lust am Hören, wäre allein die Pianistin am Werk. Wie sich freilich bald herausstellt, ist da auch noch das Publikum. Es bringt sich ebenfalls zu Gehör, wenn auch unfreiwillig. In dem vom Neuseeländer Harold Marshall geschaffenen Meisterwerk der Klangarchitektur geht eben nichts unter. Jedes Raunen, jedes Räuspern dringt klar ans Ohr, von den Hustenanfällen der offenbar Erkälteten unter den 2400 Zuschauern ganz zu schweigen.

Rund 380 Millionen Euro hat das Wunderwerk gekostet und damit, wie bei spektakulären Bauvorhaben üblich, erheblich mehr als die von den Initiatoren einst veranschlagten 180 Millionen. Dreißig Jahre ist es her, dass dem damaligen Präsidenten Francois Mitterrand unangenehm aufgefallen war, dass Paris über kein großes Konzerthaus verfügt und der mächtige Sozialist anregte, dem Mangel abzuhelfen. Aber nun stehen die Chancen gut, dass es die traditionelle Opernhauptstadt Paris auch noch zur Konzertkapitale bringt. Wobei so ein kostbarer Klangkörper auch jenseits des Klassik-begeisterten Publikums Begehrlichkeiten weckt.

Auch für Rocker und Rapper

Bruno Julliard, 33-jähriger Kulturreferent der Stadt Paris, dringt darauf, die Philharmonie Rockern und Rappern zu öffnen. Der Leiter der das Konzerthaus beherbergenden Cité de la Musique, Laurent Bayle, zeigt sich nicht abgeneigt. Anstatt der einst anvisierten 270 Symphoniekonzerte plant er für dieses Jahr nun 150. Bayle hofft außerdem, ein neues Publikum für die Klassik zu gewinnen. Junge Leute aus den nördlich angrenzenden Vorstädten mit hohem Einwanderungsanteil sähe er künftig gern in der Philharmonie.

Zum Auftakt ist das noch nicht gelungen. Von der oft beschworenen Begegnung unterschiedlicher Hautfarben und Kulturen war nichts zu bemerken. Wenngleich an noch ungewöhnlichem Ort, nämlich am Stadtrand zusammengekommen, war das großbürgerliche Paris dann doch wieder weitgehend unter sich.

Der Stimmung tat das keinen Abbruch. Wirklich unglücklich, ja verärgert ist wohl nur der Schöpfer des Ganzen: der Architekt Jean Nouvel, der Paris bereits das „Institut der arabischen Welt“, die „Cartier-Stiftung“ und das „Quai-Branly-Museum“ vermacht hat. Unglücklich ist Nouvel darüber, dass die Politik in Gestalt von Staatschef Francois Hollande und der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo das mit Kränen und Gruben an eine Baustelle gemahnende Areal bereits am 14. Januar eingeweiht hat – lange vor der Fertigstellung.

Verärgert ist Nouvel darüber, dass Stimmen laut geworden sind, die ihm die Schuld an den explodierenden Baukosten geben. Zum Zeichen seines Unmuts war Nouvel den Einweihungsfeierlichkeiten ferngeblieben. Das Publikum freilich strömt in Scharen herbei. Viele Konzerte im neuen Haus sind bereits ausverkauft.

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