Oper Frankfurt

"Unter Eis"

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Jörn Arnecke, Komponist, und Falk Richter, Librettist und Regisseur, haben in dem Musiktheaterstück "Unter Eis" dem Unternehmensberater Paul Niemand eine Geschichte gegeben, eine des Älterwerdens.

Was für ein Team: immer rastlos auf der Suche nach der optimalen Lösung für den Kunden. Alle Facetten der Berater-Persönlichkeit sind auf dieses Ziel orientiert, von anders ausgerichteten Facetten ist nichts bekannt. Das geht natürlich nur ein paar Jahre gut, irgendwann melden sich unangepasste Bedürfnisse, die Abschlüsse werden schlechter, der Abstieg beginnt.

Jörn Arnecke, Komponist, und Falk Richter, Librettist und Regisseur, haben in dem Musiktheaterstück "Unter Eis" dem vage konturierten Unternehmensberater Paul Niemand eine Geschichte gegeben, eine des Älterwerdens, das als ökonomisches Versagen und Sterben wahrgenommen wird, ist. Das Stück wurde im vergangenen Jahr auf der Ruhr-Triennale uraufgeführt und hatte jetzt seine Frankfurter Premiere im Bockenheimer Depot. Niemands Persönlichkeits-Konstrukt ist das einer voluminösem Leere, Restkategorie funktionalisierter Humanität. Richter hat gut zugehört, bei McKinsey oderJürgen Klinsmann, er karikiert kundig und milde, und die Berater Sonnenschein (André Szymanski) und Glasenapp (Thomas Wodianka) bringen das echt gut rüber.

"Unter Eis" ist eine Mischform aus stilisiertem Sprechtheater und lyrisch-dramatischem Gesang für einen Bariton und einen Knabensopran. Es ist die Klage einer drangsalierten, vereinsamten, erstarrenden Existenz mit geringem Selbstreflexions-Spielraum, woher sollte Niemand auch einen Spielraum haben.

Unaufdringlich und transparent

Jörn Arneckes Musik ist von einiger Raffinesse, oft geräuschhaft, aber unaufdringlich und transparent. Verständlichkeit und präzise Unterstützung des Textes haben eine große Rolle gespielt, so dass der Eindruck eines zeitgenössischen Kunstwerkes mit aktueller Intention und beträchtlichem ästhetischen Potenzial entsteht. Das Orchester - beschränkt auf Hörner, Streicher und Perkussionsinstrumente - sitzt nicht zwischen Bühne und Zuschauerraum, sondern auf erhöhten Podien ( "Inseln") um das Publikum herum verteilt, so dass der Saal wie mitten ins Geschehen hinein versetzt ist; ein Effekt, den einkomponierte Wanderungsbewegungen der Musiker von einer Insel zur anderen noch verstärken.

Der dramatische Raum selbst (Bühne: Alex Herb) changiert zwischen diskursivem Krankenhaus und sterilem Gerichtssaal, hat durchlässige Grenzen, auf denen ständig Video-Projektionen laufen, und wird für die traumhafte Schluss-Sequenz erweitert, so dass die seelische Leere, das psychologische Zentralthema des Stückes, eine große Bühne bekommt.

Hauptdarsteller Markus Brück kann darin im Finale im härenen Mantel an den mythischen Niemand, Odysseus in der Höhle Polyphems, erinnern, ohne den psychologischen Mikrokosmos des Unternehmensberatertums zu verlassen. Brück ist sowohl als Sänger wie als Darsteller von starker Präsenz, Szymanski und Wodianka und fünf Solisten des Philharmonia Chor Wien machen das Büro komplett, und Carlo Wilfart von der Chorakademie Dortmund ist ein eindrucksvoller Knabensopran, der das Kind im Manne repräsentiert.

Falk Richters Inszenierung schafft eine glückliche Balance zwischen gut ausgearbeiteten Effekten, textdienlicher Bühnenaktion, sensibler Berücksichtigung der Musik und einem historisch-psychologischem Resoanzraum; und man hat den Eindruck, hinterher tatsächlich die Welt ein bisschen besser zu verstehen als vorher. Das Werk unterhält gute Kontakte zur umgebenen Wirtschaftswelt und passt damit nach Frankfurt wie nur selten eines der zeitgenössischen Musiktheaterliteratur.

Bockenheimer Depot, 4., 6., 7. Juni, 20 Uhr www.oper-frankfurt.de

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