Oper

Unter dem Blutmond

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Robert Wilson drückt Giuseppe Verdis „Otello“ bei den Festspielen in Baden-Baden seien Stempel auf.

Über Giuseppe Verdis späte Oper „Otello“ stülpt Robert Wilson jetzt eine klassische Robert-Wilson-Inszenierung. Dabei zeigt sich der vertraute Zwiespalt. Die Schauwerte sind beträchtlich. Dass Verdi und sein kongenialer Librettist Arrigo Boito auf eine Menschlichkeit zielen, die das Publikum angesichts ihrer Plausibilität und zugleich Monströsität erschauern macht, bleibt ganz beiseite. Der australische Tenor und Titelheld Stuart Skelton erklärte vorab im Fernsehen, es sei nicht einfach, sich beim Singen so wenig zu bewegen, andererseits auch gut für die Atmung, sobald man sich daran gewöhnt habe.

Für das Festspielhaus Baden-Baden, wo die Osterfestpiele begonnen haben, taucht der 78-jährige Regisseur, Bühnenbildner und Lichtkünstler die Bühne in Blau, gelegentlich in Speigrün, wenn die Dummheit (Otellos) oder Schlechtigkeit (Jagos) sich offen zeigen. „Dummheit“ verkürzt es natürlich unzulässig, eine fundamentale Unsicherheit ist es, die Otello in Eifersucht und Unglück stürzt. Aber das darf er sich in Baden-Baden nicht anmerken lassen. Rot sehen wir, wenn es mordsgefährlich wird. Ein Blutmond am nachtblauen Himmel, unwiderstehlicher Theaterzauber. Geschmackvoll auch die weiteren Schattenrisse, die von der Decke gelassen werden, eine Treppe ins Nichts, Arkadenreihen, die sich wie ein bedrängendes Gitter um den von Jago in die Irre geführten Otello schieben. Sie schweben später fragmentiert wieder ein, während sein Leben nicht minder in Stücke geht.

Heikler ist die zurückgenommene Personenführung in den opulenten, aber die Situation auch vereinfachenden Kostümen (Jacques Reynaud und Davide Boni). Die Figuren sind zwischen Barock, Zeitlupen-Commedia dell’arte und japanischen Assoziationen angesiedelt und sehen dort gut aus. Aber sie machen halt wenig. Fatal trifft das die Desdemona, die zwischen einer Columbine und einer Marlene Dietrich auch einen weniger unsicheren Mann misstrauisch machen könnte. Die Statik in der hierarchischen Welt des Militärs und der Politik ist besser zu vermitteln. Sicher leidet die Inszenierung auch etwas darunter, dass die stilisierte Bewegungssprache nicht exquisit und abgefeimt genug ist. Vor allem am Ende wirkt sie wie eine irrwitzige Verlangsamung des Üblichen.

Musikalisch ist der Eindruck positiv, aber nicht makellos. Die Berliner Philharmoniker unter einem weiteren Altmeister, Zubin Mehta, spielen gedämpft, geradezu antirasant, jedoch auch sehr gediegen und mit sinfonischen Qualitäten, was Verdis Musik noch einmal kühner erscheinen lässt. Möglichem Zwischenbeifall wird dadurch erfreulicherweise die Luft zugedrückt, aber vielleicht blieb er auch weitgehend aus, weil die Sänger in der Premiere nicht wirklich eine Gala bieten konnten. Skeltons schön timbrierte, hochkultivierte und dabei restlos raumfüllende Stimme hatte in den Höhen vor der Pause trotz eines vorsichtigen Maßnehmens einfach zu große Probleme. Im Finale strahlte er. Sonya Yonchevas ausladender Sopran zeigte sich auf der Höhe, aber so kühl und unengelhaft wie Wilsons Desdemona. Der Jago von Vladimir Stoyanov, mephistophelisch ausstaffiert, konnte dem Bösen ausgerechnet im grausigen Glaubensbekenntnis nicht die letzte Vehemenz und Brutalität verleihen. Überzeugend der Philharmonia Chor Wien, ausgezeichnet auch der Kinderchor des Pädagogiums Baden-Baden.

Eine Robert-Wilson-Inszenierung ist ein nützliches Gegenmittel gegen ein allzu großes Bedürfnis nach Ästhetik. Ästhetik, lernt man hier immer wieder, ist eine attraktive Sekundärtugend.

Festspielhaus Baden-Baden:16., 19., 22. April. www.festspielhaus.de

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