+
Boris Blank hat erst kürzlich siebzig Tracks gefunden, die nie veröffentlicht wurden.

Boris Blank Yello

Unsere Geschäftszeiten waren unvereinbar

Ein Gespräch mit Boris Blank über Yello, pöbelnde Punks auf dem Kühler seines Straßenkreuzers, göttliche Musiker und das Strahlende in der Kultur.

Von Max Dax

Boris Blank, es ist eigentlich unglaublich: Mit „Electrified“ erlauben Sie nach über drei Jahrzehnten erstmals einen Einblick in Ihr Werk jenseits von Yello.
Was ich an Musik über die Jahrzehnte produzierte, war entweder für Yello bestimmt – oder es landete auf Festplatten und somit in Kartons. Ich habe meine Musik weder bewirtschaftet noch habe ich je das Bedürfnis verspürt, von der Welt Feedback zu bekommen. Erst kürzlich habe ich wieder eine alte Festplatte von einem vorvorletzten Computer gefunden, da sind noch einmal siebzig Tracks drauf, die nie veröffentlicht wurden. Wir können uns also gerne für heute in 30 Jahren verabreden, dann veröffentliche ich nämlich meine nächste Box.

„Electrified“ liegt eine Musikkassette mit Aufnahmen von 1977 bei, die Sie kürzlich als Herzstück der Veröffentlichung bezeichnet haben.
Das sind die ersten Aufnahmen vor der Ära Yello aus unserem ersten Studio in der Roten Fabrik in Zürich, teilweise noch bevor Dieter Meier dazu gestoßen ist. Diese Aufnahmen waren der Ausgangspunkt. Ich habe in der Roten Fabrik pro Tag ein Stück Musik gemacht. Es ist erstaunlich, wie gut der Klang der Musikkassetten noch heute ist. Als Carlos Peron und ich 1978 nach San Francisco zu Ralph Records, dem Label der Residents, fuhren, stellten wir uns mit diesen Aufnahmen vor: „We are from Switzerland and want you to listen to our tapes.“

Die Rote Fabrik war Ende der Siebziger eine linke Punkhochburg.
So war’s. Aber das kümmerte uns nicht. Dieter hatte in der Roten Fabrik ein großes Atelier, und darüber gab es ein kleines Zimmer mit meinem ersten Studio. Es gibt Bilder von mir, noch ohne Moustache, am Synthesizer in der Roten Fabrik.

Das war die Zeit von „Züri brännt“ – zur Jahrzehntwende 1979/80 gab es gewalttätige Studentenunruhen in Zürich. Man kämpfte unter anderem um den Erhalt der Roten Fabrik – und Yello waren mittendrin, produzierten aber einen Sound, der so gar nicht Teil der Bewegung war.
Yello waren nie Teil einer Jugendbewegung. Die Jahrzehntwende war aber zugleich genau die Zeit, in der ich die elektronische Musik zu meinem Beruf erklärte. Punk ließ mich völlig kalt, weil die Stooges und The Sonics Punk bereits durchkonjugiert hatten. Der Punk von 1978 war im Vergleich dazu nur noch Aufguss und Dekoration. Diese ganzen Irokesenschnitte, die grobe Umgangssprache, die Pogotänze – all das war nicht mein Style. Zeitgleich gab es aber mit Throbbing Gristle und The Normal die frühe englische Industrial-Techno-Bewegung, und in Amerika gab es Chrome, Tuxedomoon und die Residents, die mich alle viel mehr faszinierten als Punk. Deren Musik war in meinen Augen etwas wirklich Neues.

Sind Sie den Punks aus dem Weg gegangen?
Das war nicht schwer, ich habe ja schließlich tagsüber als Fernsehmechaniker gearbeitet. Nach Feierabend habe ich von 19 Uhr abends bis um drei Uhr morgens oben in der Roten Fabrik Musik gemacht, bis niemand mehr außer mir da war. Die Punks und ich – unsere Geschäftszeiten waren unvereinbar. Begegnet sind wir uns eigentlich nur, wenn Punkbands in der Roten Fabrik Konzerte gaben. Ich fuhr damals einen großen amerikanischen Straßenkreuzer, einen Buick Regal. Wenn ich nachts aus dem Studio kam, lagen immer mehrere Punks total besoffen auf meinem Kühler, und ich musste sie zum Aufwachen animieren: „Hey, Jungs, ich fahr‘ jetzt los!“ Es war wie ein Ritual. Erst habe ich den Motor angeworfen, dieses wundervolle amerikanische Motorgeblubber in den tiefen Bässen. Darauf haben die mir auf die Scheibe gerotzt, und die logische nächste Stufe war die Scheibenwischanlage. Schließlich, wenn nichts mehr half, bin ich langsam losgefahren, bis sie endlich runtergerollt sind.

Wie konnten Sie sich als Fernsehmechaniker einen solchen Schlitten leisten?
Och, der war ganz billig. 6000 Franken. Der Buick hatte dann auch Zylinderkopfdichtungsprobleme. Eines Tages fuhr ich mit ihm eine Straße in Zürich rauf und plötzlich knallt’s, und um mich herum ist eine riesige Wolke aus weißem Rauch. Die ganze Straße war eingenebelt. Und dann habe ich mir den nächsten gekauft, wieder eine Occasion, diesmal ein Lincoln Continental. Der hatte 8,7 Kubikmeter Hubraum und nur zwei Türen, aber die waren so dick wie Tresortüren. Und bei meiner ersten Ausfahrt bin ich beim Rangieren mit dem Kotflügel an Dieters Mauer geschrammt, so schwer war dieses Schiff von einem Auto zu navigieren.

Waren Sie eigentlich selbst überrascht, wie sehr viele Ihrer Tracks nach Yello klingen?
Als Musiker arbeite ich wie ein Maler, der ein Bild nach dem anderen malt. Ich komponiere weniger Musik, ich patche eher Sounds zusammen, aus denen sich dann Klangsuiten entfalten. Und kaum hat man sich versehen, stehen zwanzig dieser Klangbilder herum. Die räumt man dann entweder weg, oder ich gehe zum Dieter, und wir probieren aus, ob ihm der Track zum Singen liegt. Es gibt bei Yello Kriterien wie Komplexität oder zu wenig oder zu viel Femininität, Hektik oder Skurrilität, die darüber entschieden, ob ein Track von Dieter genommen wird oder nicht. Er lässt sich inspirieren von meinem Klangbild und durchschreitet dieses sozusagen als Protagonist, als Schauspieler, als Hauptdarsteller. Es arbeitet dann in ihm, man kann es ihm förmlich ansehen, und meist findet er sehr bald auch eine überraschende Zeile, die wiederum eine neue Welt um den Track herum öffnet.

Viele Ihrer Tracks bauen auf Latin-Rhythmen auf. Sind Rumba und Salsa die Paten der elektronischen Musik?
Auch Kraftwerk haben in Tracks wie „Schaufensterpuppen“ oder „Autobahn“ auf lateinamerikanische Rhythmen zurückgegriffen. Tatsächlich würde ich die Latin-Musik als meine stille Liebe bezeichnen. Ich interessiere mich für viele verschiedene Musikstile, ich reise auch gerne mit Musik an Orte, an denen ich noch nie gewesen bin. Das sind dann Fantasiereisen, wie Karl May sie in seinem Kopf erlebt hat, der nie in Amerika gewesen ist. Wenn ich mir also die Stadt Havanna und ihre Palmenpromenaden am Meer im Mondlicht vorstelle, fiele es mir leicht, zu diesem Bild im Kopf eine afrokubanische musikalische Stimmung erklingen zu lassen. Wäre ich tatsächlich in Havanna würde es vielleicht regnen, und ich blickte auf eine Tankstelle statt auf Palmen.

Was fasziniert Sie genau an Latin-Musik?
Es sind die Offbeats. Was die da spielen, ist göttlich. Diese Musik dringt in deine Seele ein, durchfährt zugleich deinen Körper. Ich schaue den Leuten gerne beim Tanzen zu, denn die Körpersprache sagt, was der Mensch fühlt. Der Tanz ist die schönste und direkteste Form der menschlichen Kommunikation. Deshalb will ich, dass man sich zu meiner Musik bewegen will. Ein Schlüsselmoment war meine erste Reise nach New York. Unser Track „Bostich“ war ein Club-Hit und wurde von den Schwarzen und in der Latino-Szene rauf und runter gespielt. Ich sah, wie im Roxy dreitausend zu „Bostich“ tanzten. Wie die sich zu meiner Musik bewegten – das gab mir was! Und wenn ich heute zuhause koche, schalte ich das Internetradio an und höre mir Latin-Sender aus Brasilien oder Nicaragua an.

Gibt es noch andere göttliche Musik?
Komponisten wie Arnold Schönberg, György Ligeti, Alban Berg und Schostakowitsch waren für mich immer wichtig. Ich bin zudem ein großer Verehrer vom Sun Ra Arkestra – und natürlich von den großen Big Bands Duke Ellingtons und Count Basies. Ich habe Sun Ra noch persönlich kennenlernen dürfen, im Rahmen eines Panels in New York, an dem auch Joey Ramone, Adrian Belew und Tone Loc teilnahmen. Sun Ra war da schon ein alter Mann, er war ganz verhalten. Ich habe ihm erzählt, dass ich über sechzig Platten von ihm besäße, und das hat ihn wohl fasziniert. Und so kamen wir ins Gespräch über elektronische Musik, und ich erzählte ihm auch von Yello. Ich spürte seine charismatische Ausstrahlung.

Gehören Sie zu denen, die Sun Ra als Pionier der elektronischen Musik bezeichnen?
Nein. Ich finde nur wenige elektronische Elemente in seiner Musik. Aber umso mehr hat er mit seiner Musik die elektronische Szene beeinflusst. Da ist Sun Ra auf eine Stufe zu stellen mit Miles Davis, der auch keine elektronische Musik gemacht hat, aber Legionen von Elektronik-Musikern beeinflusste. Einfach, weil er die Größe besaß, Leute wie Herbie Hancock oder Joe Zawinul mit ihren Synthesizers in seine Band und in seine Musik hineinzulassen – und Teo Macero die Edits machen ließ. Direkte Vorläufer der elektronischen Musik waren für mich eher Leute wie Raymond Scott, der elektronische Instrumente gebaut hat, oder Komponisten wie Pierre Boulez oder György Ligeti, die mit elektronischen Elementen in ihrer Musik gearbeitet haben. In deren Klangwelten fühle mich wohl – in deren Welten des Seltsamen.

Was ist mit Stockhausen?
Stockhausen war mir immer zu akademisch und mathematisch gegliedert. Es gab da durchaus lustige Sachen, aber mir war das meiste zu gewollt experimentell. Stockhausen hat auch viel auch mit Geräuschen gearbeitet, mit Schlagwerken und konkreter Musik.

Yello arbeiteten auch immer mit Samples konkreter Geräusche, zum Beispiel eines aufheulenden Motors oder quietschender Bremsen. Einer der größten Yello-Hits trug den Titel „The Race“. Machen Yello Musik zum Autofahren?
Fahren ist ein wiederkehrendes Motiv bei Yello. Im Sound, aber auch in vielen Videos. Das steht vielleicht für eine Art Bereitschaft, sich treiben zu lassen, mit der Dynamik der Fortbewegung zu gehen, von A nach B und back again – um es mit Warhol zu sagen. Musik, die wirklich abgehen will, hat immer auch dieses Moment der Beschleunigung in sich – ob als konkreter Sound oder als filmische Stimmung.

In Ihren besten Momenten ist Ihre Musik ohnehin kinematografisch.
Ich liebe die Filme von Buñuel und Cocteau. Das Schwarzweiß dieser Filme ist magisch und stilistisch bis heute unerreicht. Ich liebe sie alle – Louis Malle, Roberto Rossellini, Pier Paolo Pasolini. Mich faszinieren deren Filme, weil sie auch die Zeit eingefangen haben. Die Filme der Nachkriegszeit bis Mitte Sechziger Jahre waren auch nicht schlecht. Das Strahlende hatte Hochkonjunktur. Die Menschen strahlten, alle hatten jetzt ein Auto, und die Atombombenversuche waren vor allem tolle Bilder. Der Lifestyle dieser Zeit gehört zum Schönsten, was die Menschheit je zustande gebracht hat. Ich hätte gerne in den fünfziger Jahren die ersten tollen Jazzlokale in Harlem besucht, diese heißen Keller. Oder ich wäre gerne in Brasilien gewesen, als die Bossa Nova dekonstruiert wurde. Das muss etwas vom Göttlichsten gewesen sein. So bleibt uns die Imagination, um uns diese Momente vor Augen zu führen.

Interview: Max Dax

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion