Strauss "Salome" in Wiesbaden

Unreife Wohlstandsgöre

Manfred Beilharz inszeniert zum Auftakt der Wiesbadener Maifestspiele Strauss "Salome".

Von TIM GORBAUCH

Eine steile Treppe führt hinauf in den Palast, der ein auf Säulen gebauter Quader ist. Hinter einem semitransparenten Vorhang steht da, geradezu paralysiert, Salome, die junge Prinzessin. Der Page der Herodia bemerkt: "Wie eine Frau, die tot ist". Man ahnt in diesem Moment nicht, dass sie zu den stärksten, kompromisslosesten Frauenfiguren der Literatur- und Operngeschichte zählt: "Ihre Lippen", schrieb ihr Erfinder Oscar Wilde, "verraten ihre Grausamkeit. Ihre Wollust muss unermesslich, ihre Pervertiertheit grenzenlos sein. Die Perlen auf ihrem Leib müssen dampfen."

Die grausam schöne Verführerin, die die Lippen des Propheten Jochanaan begehrt und, einmal abgewiesen, wie von Sinnen seinen Kopf fordert - der junge Richard Strauss hat dieser Radikalen einzigartige Musik gewidmet. 100 Minuten Hochdruck, ohne Pausen, ohne auch nur das geringste Lockern der orchestralen Intensität. Oper als Ausnahmezustand. Davon ist nun viel zu hören, in Wiesbaden, zum Auftakt der Maifestspiele, die, einer langen Tradition folgend, mit einer Opern-Eigenproduktion eröffnet werden.

Marc Piollet hat das Orchester beeindruckend im Griff. Der Klang ist scharf umrissen. Er ufert selbst im markanten Tutti nicht aus, bleibt aber umgekehrt deshalb nicht akademisch blass oder gar ausdrucksarm. Die Apokalypse ist kontrolliert, gebändigt, und doch nicht vergessen. Das ist immer auch eine Gratwanderung, die nie in jeder Phrase gelingen kann, aber das Maß an Verdichtung, das Piollet zum Ende hin noch einmal zur Verfügung steht und das er voll ausnutzt, ist enorm.

Auf der Bühne hingegen ist vom Drama nichts zu sehen. Intendant Manfred Beilharz, der nun schon zum vierten Mal die Maifestspiele auch als Regisseur eröffnet, verkleinert Salome zur pubertierenden Wohlstandsgöre. Ihr Problem: Sie ist verzogen. Das reicht nicht, um der Fallhöhe der Musik ein eigenes Gewicht entgegen zu setzen. Auch die Empathie, zentrales Moment der letzten Beilharz-Inszenierungen, läuft diesmal ins Leere. Was noch im "Wozzeck" und später in der "Lady Macbeth von Mzensk" gelang, Menschen als plausibel handelnde Figuren auf die Bühne zu stellen und für den Innendruck der Akteure sparsame, aber klare Bilder zu finden, fehlt diesmal völlig.

Manuela Uhl, stimmgewaltig-herausragend in der Titelrolle, schwankt dann auch als Salome richtungslos über die Bühne. Mal blickt sie entrückt, wie ein kühler Monolith, für den es keine Welt gibt außer der ihren. Mal trippelt sie wie ein junges, unsicheres Mädchen, das ein bisschen Führung gebrauchen könnte, die ihr degenerierter, früh schon am Rande des Wahnsinns balancierender Vater, König Herodes (von kluger Ambivalenz: Norbert Schmittberg), nicht bieten kann. Ihr Tanz, ob man will oder nicht: Schlüsselszene der Oper, ist bei Beilharz das Gegenteil einer sexuellen Provokation. Er ist anfangs von einer geradezu rührenden Harmlosigkeit, wird dann zu einer feigen Pittoreske, um sich schließlich förmlich im Nichts aufzulösen.

Der Bruch, der stattfindet, die Sehnsucht nach dem Kopf des Jochanaan (mit kantiger Statur: Thomas J. Mayer), bleibt ohne szenisches Äquivalent. Die Abgründe, in die man blickt, die Hässlichkeit der Psyche, all das ist nur Klang. Für einen Theatermann wie Beilharz ist das zu wenig. Und für eine Oper vom Rang Wiesbadens auch.

Staatstheater Wiesbaden: 21. Mai, 8., 10., 19. und 27. Juni. www.staatstheater-wiesbaden.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion