Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Ludwig van Beethoven (1770-1827) mit seiner „Missa solemnis“, gemalt von Joseph Karl Stieler.
+
Ludwig van Beethoven (1770-1827) mit seiner „Missa solemnis“, gemalt von Joseph Karl Stieler.

250 Jahre Beethoven

Unmöglich, ihm zu entkommen

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
    schließen

Aber wer will das auch schon? Über einen, der so einsam war und doch andere zusammenbrachte. Über einen, der so anders war und in dessen Musik sich doch jeder Mensch wiedererkennt.

Wer schreibt macht Pausen. Er hört zum Beispiel Beethovens musikalische Bagatelle „Pour Elise“ vom 27. April 1810. Das Stück zählt zu den Hits der Klassik. Wer die Pause ein wenig dehnt, der vergleicht womöglich auf Youtube Lang Lang, Elly Ney und Ivo Pogorelich und wird amüsiert feststellen, dass Elly Ney das Stück in zwei Minuten und zwei Sekunden absolviert, während Pogorelich zwei Minuten länger braucht und Lang Lang in drei Minuten 50 Sekunden abschließt. Allerdings mit einer weniger musikalischen als gestischen Expressivität, die den Eindruck erweckt, Lang Lang wollte einen Wilhelm-Busch-Pianisten karikieren.

Wer solche Vergleiche anstellt, der darf nicht vergessen, dass das zu Beethovens Zeiten noch unmöglich war. Beethoven, der von seinen Einnahmen als Komponist lebte, schrieb für ein Publikum, das sich selbst ans Klavier setzte. Es gab so gut wie keine mechanischen Abspielgeräte für Musik. Und schon gar nicht die Möglichkeit zwei Dutzend „Pour Elise“ und noch viel mehr Einspielungen der 9. Symphonie, der „Missa Solemnis“, des „Fidelio“ oder der „Adelaide“ miteinander zu vergleichen. Jederzeit und kostenlos. Kostenlos auch die Anfänge von „Pour Elise“, der 5. Symphonie, der „Ode an die Freude“ als Klingeltöne. Unmöglich, Beethoven zu entkommen.

Aber wer will das schon? Am 17. Dezember 1770, vor 250 Jahren also, wurde Ludwig van Beethoven in Bonn geboren. 1792 zog er nach Wien, studierte noch bei Haydn, wurde ein begehrter Klaviervirtuose bis seine zunehmende Schwerhörigkeit, die mit den Jahren wohl in eine völlige Taubheit überging, ihn zwang, von seinen Einkünften als Komponist zu leben. Nicht ganz, denn als er drohte, einen „Ruf“ nach Kassel an den Hof von Jerome Bonaparte anzunehmen, setzten sich Vertreter der Wiener Hochfinanz zusammen und schnürten ihm ein Päckchen mit einem ordentlichen Jahresgehalt. Einzige Bedingung: dass er in Wien wohnen blieb. Allerdings sah sich der Musiker wenige Jahre später gezwungen vor Gericht die Einhaltung des Vertrages durchzusetzen. Am 26. März 1827 starb Beethoven an Gelbsucht und Leberzirrhose.

Als die Pariser Bastille gestürmt wurde, war Beethoven 18 Jahre alt. Die Französische Revolution, dieser Versuch, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen, also die menschlichen Angelegenheiten von der Vernunft her zu regulieren, interessierte ihn nicht nur. Er nahm ihn mit. Seine Erfahrung war die seiner Zeit: Auch die ältesten Machtsysteme können gestürzt werden, auch die rigidesten Revolutionäre können nicht verhindern, dass sie wiederauferstehen. Eine niederschmetternde Geschichte, in der Generationen versanken – in eilfertige Unterwerfung, in Geheimgesellschaften, in sich selbst. Die Idee, dass die menschliche Vernunft hinreiche für die Ordnung der menschlichen Verhältnisse, wurde scharf kritisiert. Die Religion wurde wiederentdeckt, der Glaube der Väter und Mütter an die einzig seligmachende Kirche. Ein Gutteil der deutschen Romantik ging diesen Weg. Beethoven ging ihn nicht.

Er – mehr noch sein Werk – war der größte Propagandist der Kunstreligion. Wie Gott sich in der Natur zeigte, so zeigte sich das Göttliche im Kunstwerk. Seine Schönheit, seine Kraft, die Gemüter zu bewegen, setzte sich an die Stelle der alten Gottesverehrung. Das Genie war göttlich und es war menschlich. Nicht anders als der christliche Gott. Beethoven hatte in seinem Zimmer ein Blatt Papier eingerahmt, auf dem stand: „Ich bin alles, was ist, / was war, und was seyn wird, / kein sterblicher Mensch / hat meinen Schleyer / aufgehoben.“ Ein Schillerzitat. Der hatte es aus Texten der geheimbündlerischen Illuminaten, die es – vorgeblich – altägyptischer Weisheit entnommen hatten.

Als Beethoven an der „Missa Solemnis“ schrieb, hatte er dieses Blatt ständig vor Augen. Man versteht das nicht, wenn man es nur als Affirmation liest. Dass er es um sich brauchte, sagt auch, dass er so recht nicht daran glaubte, sondern es immer wieder lesen musste: spes contra spem, hätte Ernst Bloch dazu gesagt. Beethoven schrieb: „Die Hoffnung nährt mich, sie nährt ja die halbe Welt, und ich habe sie mein Lebtag zur Nachbarin gehabt; was wäre sonst aus mir geworden?“

Die „Missa solemnis“, als Musik für das Hochamt bestimmt, mit dem die Inthronisation des Beethoven-Freundes und -Förderers Erzherzog Rudolf von Österreich zum Erzbischof von Olmütz begangen werden sollte, wurde nicht fertig. Sie wurde das erste Mal im Mai 1824 in der Philharmonischen Gesellschaft in Sankt Petersburg aufgeführt. Beethoven mochte die Religion gesucht haben und den Frieden mit der Welt. Aber er haderte weiter mit ihr und fand – zu unserem Glück – nicht wieder hinaus aus der Kunstreligion.

Nachdem Beethoven und Goethe sich im Juli 1812 im Kurbad Teplitz getroffen hatten, schrieb Goethe an seinen Freund, den Berliner Komponisten Carl Friedrich Zelter: „Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt; allein er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar gar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie freilich dadurch weder für sich noch für andre genussreicher macht.“ Beethoven wiederum schrieb an seinen Verleger Gottfried Christoph Härtel: „Göthe behagt die Hofluft sehr, mehr als einem Dichter ziemt.“

Beethoven, der Titan, war eine Schöpfung des späten 19. Jahrhunderts, das noch wusste, dass die Titanen von den olympischen Göttern gestürzt worden waren. Der Klanggebirge aufeinander stapelnde und sie wieder zum Einsturz bringende Komponist war einer, in dem sich die Erbauer und Vernichter des Industriezeitalters gerne wiedererkannten. Beethoven, der Revolutionär, ist der Blick des 20. auf ihn. Glenn Gould erklärte einmal. Beethoven sei darum so faszinierend, weil er in jedem Moment beides sei: Traditionalist und Erneuerer. Er sei solange damit beschäftigt, sich die Tradition anzueignen bis er, wie von ihr getrieben, über sie hinaus schieße. Das gehe jedem Künstler so. Aber Beethoven mache es vor aller Augen in fast jeder seiner Kompositionen.

Beethovens Kunst erscheint als eine Parallelaktion zum politischen Freiheitskampf des Bürgertums. Die Egmont-Ouvertüre zum Beispiel wurde immer wieder so verstanden. Aber vielleicht sieht man die Dinge so zu eng. Das Menschheitspathos, das die 9. Symphonie durchzieht, ist eine frohe Botschaft, verkündet in finsteren Zeiten. Nicht nur, wenn man die Entwicklung innerhalb der Symphonie anschaut, sondern durch sie hindurch zeigt sich ein Blick auf die Welt, der sich über ihren detestablen Zustand nicht hinweg lügt – der aber daran festhält, dass er, dass die Kunst, dazu da und in der Lage ist, die Welt dennoch genussreicher zu machen.

Wer schreibt, macht Pausen. Manchmal ruft er dann aus „Fidelio“ das Quartett „Mir ist so wunderbar“ auf, unter anderem mit Lucia Popp und Gundula Janowitz, eine Aufnahme von 1976. „Der einsame Revolutionär“ heißt eine der großen Beethoven-Biografien. Das stimmt womöglich. Aber zu dieser Einsamkeit gehört auch, dass nicht nur ich mir immer wieder gerade diese Aufnahme anhöre. Sondern außerdem noch 191 220 Menschen. Allein diese Aufnahme! Leonard Bernsteins Einstudierung der „Pastorale“ mit dem Boston Symphony Orchestra haben mehr als 1,5 Millionen Menschen aufgerufen und eine Karajans mehr als 1,1 Millionen. Wie einsam Beethoven auch immer gewesen sein mag: Andere Menschen hat er zusammengebracht.

Sie erkennen sich wieder in ihm. Sie erkennen sich wieder in den Wanderungen eines Themas von Instrument zu Instrument, dass es sich ändert und doch immer wieder zu hören ist, dass es immer mindestens ein Gegenthema gibt, einen Konflikt, eine Geschichte. Nichts ist einfach da bei Beethoven. Alles hat eine Geschichte, wird einer Geschichte unterworfen. Ein Thema ist eben auch nur ein Mensch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare