Massive Attack

Unheimlich in Unterliederbach

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Ein Wiederhören mit den Trip-Hop-Göttern Massive Attack und ihrem Album „Mezzanine“.

Was man im Jahr 2019 alles machen kann:

- auf die dunkle Seite des Mondes fliegen

- plastikfrei einkaufen

- blasenfrei zapfen

- ein Konzert zum 20. Geburtstag des Trip-Hop-Albums „Mezzanine“ spielen, das 1998 erschien, und von den ersten drei Liedern sind zwei gar nicht auf diesem Album, noch nicht mal von dieser Band. Sondern: „I Found A Reason“ von Velvet Underground und „10:15“ von The Cure. Damit mal klar ist, dass nichts von nichts kommt, dass alles von irgendwas kommt. Dass alles Gute von etwas anderem kommt, das gut war. Und immer noch gut ist, nicht immer, aber hier: o ja.

Die Band, oder besser, das Musikprojekt Massive Attack, in den späten 80ern aus dem Bristoler Künstlerkollektiv The Wild Bunch hervorgegangen, war ein Gefühl. Man konnte es zum ersten Rendezvous bei Kerzenschein und einem Rucksack voll Rotwein hervorzaubern, und es passte. Es war immer ein bisschen behaglich, aber auch ein bisschen unheimlich. So ist es bis heute.

In der bis weit in die Seitenflügel gefüllten Frankfurter Jahrhunderthalle folgt auf das unheimliche „10:15 Saturday Night“ (1979) das eigene, ebenfalls unheimliche „Man Next Door“ – und Horace Andy ist dabei, der den Song auch vor 20 Jahren sang. Der Nachbar kommt spät nach Hause, singt er, der Nachbar rumpelt dann, keine Ahnung, was er da macht. Soll man weg, muss man einen sicheren Platz finden, seine Familie beschützen? Die Band, zwei Schlagzeuger, diverse Keyboards, Gitarren, Bass, nimmt das „10:15“-Thema in „Man Next Door“ noch einmal auf: „Drip drip drip drip.“ Genial.

Tanzbar ist das nicht, war es nie. Das Publikum steht, wippt, liest Botschaften von der Videowand ab: „Das ist jetzt eure Welt“ und „Es hieß einmal … werden uns die Freiheit bringen“. Das Wort, das da fehlt, kommt akustisch hinzu – was hat er gesagt? „Words“? Oder „weapons“?

Es flimmert, es blitzt, zu sanften Akkordfolgen laufen schlimme Videos vom Krieg, von Putin und Schröder, von Trump. Parolen: „US first“, „Wir sind das Volk“. Es gibt viel mehr zu sehen als beim letzten Deutschlandbesuch, wie lang ist das her? Und es gibt seit zwei Jahren ein ganz aufregendes Gerücht: Robert „3D“ Del Naja, zusammen mit „Daddy G“ Marshall der Doppelkopf von Massive Attack und Hauptsänger, soll der sagenumsprühte Graffiti-Künstler Banksy sein, dessen Gesicht keiner kennt. Ob er’s ist? Er verrät es nicht. Jedenfalls nicht hier und jetzt in Unterliederbach.

Ganz klar hingegen: Sie ist es! Elizabeth Fraser, einst die Stimme der unvergleichlichen Cocteau Twins, begleitet die Tour und sorgt für die schönsten traumhellen Momente in „Black Milk“, „Group Four“ und vor allem „Teardrop“. Im erstaunlichen jungen Publikum glitzern ein paar Tränen und viel Respekt (außer bei dem Rauch- und Grölclub abseits der linken Bühnenflanke).

Was man im Jahr 2019 ebenfalls machen kann: eine Nummer des verstorbenen Tanzflächenfegers Avicii auf einem Trip-Hop-Konzert spielen („Levels“) – und den Allzeit-Gruselhit „Bela Lugosi’s Dead“. Von Bauhaus. Ehrensache, unter Jubilaren.

„Mezzanine“, der Albumtitel, ist übrigens das Zwischengeschoss eines mehrstöckigen Gebäudes. Die Platte, damals überall wochenlang in den Top Ten, ist jetzt als überarbeitete Neufassung zu haben.

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