"Alive And Swingin?"

Unheimlich umgänglich

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"Alive And Swingin?" feiert den Glauben, der Durchschnitt habe das Recht, normative Kraft zu sein.

Auf dem Papier ist es ja so: Bei „Alive And Swingin’“ in Frankfurts Jahrhunderthalle nehmen die vier Herren Xavier Naidoo, Sasha, Rea Garvey und Michael Mittermeier die Smokings, die Trinkerei (angeblich), die Dialoge und die Swing-Klassiker des Rat Packs zum Vorbild. Und sie nehmen mit all ihrer Harmlosigkeit den ganz offenen Machismo des Originals weg. Das ist doch schon mal etwas. Warum sollte man sie dafür angreifen, dass sie so schrecklich umgänglich sind?

Bis auf einen sind die doch ziemlich sicher supernett. Und später zeigt sich auch, dass es um mindestens eine Stimme schade ist. Weil sie Format hat. Davor hat Sasha jedoch „Skyfall“ gesungen, den James-Bond-Welthit der Welthitstimme Adele. Sasha kommt aus Soest. Sonntags fährt er zur Mama, mit dem RE5, und dann essen sie gemeinsam Erdbeerkuchen. So muss es sein.

War der nicht mal ganz okay?

Die Menschen sind älter, sehr viele Paare, einige Camp-David-Polos, erstaunlich viele Abendkleider und Sakkos mit Glanz, darunter Karohemden. Jede Wette, kurze Ärmel. Das Konzert beginnt, die Big Band spult ihr Programm ab, ein Mann drängt sich durch das Dunkel, er setzt sich, isst Chili con carne. Mittermeier kommt auf die Bühne. War der nicht mal ganz okay, ein bisschen Fernseh- und Konsumkritik? Er erzählt etwas über die Hessen, dann die Bayern, der Teufel steckt im Detail, hier hat der Mensch nicht den Globus, sondern noch die Region im Blick. Andauernd macht er Dialekte nach, selbst das Bayrische klingt holprig. Später steht der gebürtige Ire Rea Garvey mit auf der Bühne, es wird drei Stunden für Lacher aus tausenden Gesichtern reichen, seinen irischen Akzent nachzuäffen.

Das Problem ist nicht bloß die erwartbare musikalische Leblosigkeit, sondern gerade der Überschuss an Energie in Form von Gehässigkeit, der unbeirrbare Glaube, dass es ein Recht des Durchschnitts gibt, zur normativen Kraft zu taugen. Es ist also noch viel schlimmer als erwartet, weil das hier nicht nur musikalisches Dosenfutter ist, sondern auch, weil es entlarvt, was in den Köpfen vorgeht. Der Terror der Normalität, die Mehrheitsgesellschaft, wenn sie’s denn ist, als ausdauernde Gewalt gegen alle, die ein bisschen anders sind. Alle Abweichung gilt es in Schutt und Asche zu lachen. Mittermeier kommt betont tuntig im goldenen Overall, ein Typ in Frauenklamotten, gibt es ja nicht, Bauchschmerzen. Sicherlich vom Lachen. 

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