Die Neunte mit dem Collegium Vocale Gent und Anima Eterna Brugge in der Alten Oper Frankfurt.
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Die Neunte mit dem Collegium Vocale Gent und Anima Eterna Brugge in der Alten Oper Frankfurt.

Alte Oper Frankfurt

Die Ungebürstete

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Beethovens 9. Sinfonie, reizvoll kombiniert vom Collegium Vocale Gent und dem Ensemble Anima Eterna Brugge.

Ludwig van Beethovens etwa 20 Minuten lange Chorfantasie in c-Moll lässt sich effektvoll mit seiner 9. Sinfonie verbinden. Vielleicht wäre es sogar reizvoll gewesen, beide Werke direkt hintereinander zu hören. Schon alleine aber, weil es den Hammerflügel wegzuräumen galt, entstand eine gleich auch als Pause genutzte Lücke.

Die Chorfantasie, zehn Jahre vor der Neunten entstanden, zeigt den Komponisten als genialischen Formzertrümmerer. Noch heute überträgt sich ohne weiteres der Coup, dem Klavier einen ausführlichen Vortritt zu lassen, dann das Orchester mit aparten Partien für Bläser und Klavier hinzuzufügen und ein enthusiastisches Chorfinale anzusteuern. Zum Schluss ist das Klavier noch so gut oder schlecht zu hören wie die Ente im Wolfsbauch, obwohl Ayako Ito spielt wie ein Teufel: Man erlebt ein Instrument in einer Momentaufnahme seiner rasanten Entwicklung hin zum Großorchestern gewachsenen Klangkörper.

Insgesamt wirkt die kühne und kühn genutzte Kombination beim Pro-Arte-Konzert in der Alten Oper Frankfurt geschickt ausbalanciert. Die Sängerinnen und Sänger des Collegium Vocale Gent haben sich rechts und links vom Ensemble Anima Eterna Brugge quasi als Doppelchor positioniert. Dirigent Korneel Bernolet – rechtzeitig zum Programmheftdruck eingesprungen für den ursprünglich angekündigten Jos van Immerseel – braucht alle Hände und Augen, um Kontakt zu den Gruppen und zu den hinter ihm befindlichen Solisten zu halten.

Dass Beethoven hier von – allerdings immer schon auch nach vorne schauenden – Barockspezialisten aufgeführt wird, macht sich in der vertrauten 9. Sinfonie natürlich deutlicher bemerkbar (nicht nur wegen der Nachstimmaktionen zwischen den Sätzen). Alles klassisch geläufige, sonntagskonzertliche ist ihr ja durch die schroffer, ungeschmeidiger reagierenden alten Instrumente – vor allem die Blechbläser, die grelleren Paukenschläge – ausgetrieben: Ungebürstet, unbürgerlich und noch nicht kanonisiert kommt sie daher und klingt aufregend und unbequem. Ein Kracher der Einstiegsakkord zum Finale, opernhaft und entspannt tritt der Bariton Daniel Ochoa quasi vor Kollegen und Publikum, um angenehmere Töne zu verlangen – immer ein irgendwie ironischer Augenblick, weil es bisher wirklich nicht unangenehm tönte. Mit Yeree Suh (Sopran), Isabelle Rejall (Mezzo) und Markus Schäfer (Tenor) bildet er dann das firme Solistenquartett, vom Chor so trefflich flankiert, dass kein Bedarf nach Hundertschaften aufkommt.

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