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Christian Hommel

Christian Hommel

Ungebräuchliches und weit Tragendes

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Das vielfältige Album „Aulos Bel Canto“ des Oboisten Christian Hommel.

Das älteste Stück des Albums ist Richard Wagners Hirtenweise für Englischhorn aus „Tristan und Isolde“, eine einsam-lyrische Passage in einer dramatischen, orchestral opulenten Umgebung. Da es sich um eine Hirtenweise handelt, muss das Instrument, mit dem sie gespielt wird, aus der Oboen-Familie stammen – in diesem Fall handelt es sich um ein Englischhorn. Die Oboe hat sich nun mal aus archaischen Schilfflöten beziehungsweise Schilfrohrblatt-Instrumenten entwickelt. Schon vor Urzeiten benutzten Hirten und Nomaden im östlichen Mittelmeerraum solche Blasinstrumente zum Zeitvertreib und für kommunikative Signale in die Ferne. Ihr Ton ist nicht massiv, aber durchdringend und weit tragend.

Christian Hommel beginnt den Begleittext zu seinem Solo-Album mit einem material- und musikhistorisch reflektierenden Text und geht erst danach zu Werkkommentaren über. Er ist Oboist des Ensemble Modern, und sein Solo-Doppel-Album „Aulos / Bel Canto“ ist weniger ein Selbstporträt als vielmehr eine exemplarische Bestandsaufnahme dessen, was seinem Instrument – zu dem er auch das Englischhorn und das tiefe Lupophon rechnet – an Spieltechniken zugemutet und an Solo-Stücken gewidmet ist. Hommels Spieltechnik ist in jeder Nuance eindrucksvoll, präzise, beherrscht und klangintensiv. Es gibt in den Musikstücken, die er ausgewählt hat, und in seinem Spiel so viele Abstufungen und Varianten, so enorme spieltechnische Herausforderungen und erstaunliche klangliche Passagen, insgesamt also einen solchen musikalischen Reichtum, dass man leicht vergessen kann, dass es sich hier nur um ein einziges Instrument – mit gelegentlicher Begleitung oder mit Zuspiel – handelt.

Die erste der beiden CDs, die mit dem Titel „Aulos“, enthält Musik aus der neueren Geschichte, also dem 19. (Wagner) und 20. Jahrhundert. Die Namensliste ist mit Komponisten wie Britten, Cage, Isang Yun oder Cerha prägnant besetzt. Wer möchte, kann auch darüber grübeln, warum kein Stück von Heinz Holliger auf der CD ist, dem für die neuere Musikgeschichte wohl wichtigsten Oboisten, bei dem Hommel studiert hat; möglicherweise gäbe es zu Holliger mehr zu sagen als in einer kleinen Auswahl von Stücken unterzubringen gewesen wäre.

Gleichwohl ragen zwei pointiert experimentelle, klangforschend angelegte Kompositionen aus diesem Kontext heraus, nämlich Rolf Riehms 1964 von ihm selbst in Donaueschingen uraufgeführte Komposition „Ungebräuchliches für Oboe solo“ und Vinko Globokars raue und durchaus verwirrende „Atemstudie für Oboe solo“ (1971). Hommels Interpretationen geben spieltechnisch und intellektuell jedem Stück seine eigene Leichtigkeit, Konsequenz und seinen eigenen klanglichen Charakter.

Die zweite CD, „Bel Canto“, widmet sich der sanglichen, also stimmverwandten Seite der Oboe und enthält, bis auf Berios Sequenza VII für Oboe, Kompositionen aus dem 21. Jahrhundert. Mit von der Partie ist hier übrigens auch Cathy Milliken, Hommels Vorgängerin im Ensemble Modern, mit ihrem „Catalogue of Blue für Oboe und Schlagzeug“.

Die Komponisten und Komponistinnen auf „Bel Canto“ stehen mit klarem Bewusstsein auf den Schultern von Riesen und halten Ausschau in jede Richtung, ganz ohne Erledigungkrampf, ohne landläufige Lösungswege. Jeder weist höchst individuelle Zugänge zu den Innen- und Außenwelten eines Instruments auf, von dessen aktuellem state of the art man auf diesem Doppel-Album einen zugleich tiefen und weiten Eindruck bekommt.

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