Frankfurt

Die Unerbittliche

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Richard Strauss’ „Elektra“ beim HR-Sinfoniekonzert in der Alten Oper.

Ein Triumph für die Beteiligten, aber auch für die Darbietungsweise der konzertanten Aufführung war Richard Strauss’ „Elektra“ beim HR-Sinfoniekonzert in der Alten Oper Frankfurt. Kein Tropfen Theaterblut musste fließen, keine antikisierende Säule beigeschafft, keine Axt sängerfreundlich entschärft werden, um Schrecken und Ekstase so in Szene zu setzen, dass die Wohlbehaltenheit, ja Heiterkeit aller Verwickelten beim Schlussjubel eine Erleichterung war.

Dabei spielte vermutlich weniger eine Rolle, dass Lichtregisseurin Rebecca Bienek die Bühne in Blutrot und Nachtblau tauchte (ein ergreifender Zusatzeffekt). Vor allem war es die professionelle Hingabe des Ensembles an die Situation, waren es die kanonisierten, aber mit gutem Grund kanonisierten Gesten der Verzweiflung, der Wut und der rasenden Freude, die die Oper zu ihrer Basis zurückführten.

Man sollte daraus keine falschen Schlüsse ziehen. In einer szenischen Aufführung (wo all das nun auch oft genug vorkommt) wäre das vermutlich auch diesmal unbefriedigend gewesen. Im Konzertsaal war es grandios: die ausgestreckten Arme, die gerungenen Hände, die entsetzensvollen Münder, die aufgerissenen Augen, das böse Lachen. Man griff sich an den Kopf, man hielt sich den Mund oder die Augen zu, man wich entsetzt voreinander zurück, fiel sich in die Arme, taumelte und eilte. Es wurde getanzt. Wie von unsichtbarer Hand geführt, zeigte sich ein Bewegungsrepertoire professioneller Losgelassenheit. Natürlich ist das Kalkül, aber das richtige. Effektvoll selbst das in diesem Zusammenhang bizarre Detail, dass der Brillenträger Aegisth, Michael Schade, nervös mit dem Gestell hantierte.

Im ausgetüftelten Bühnenaufbau standen Sängerinnen und Sänger sowie der Dirigent Andrés Orozco-Estrada auf einem Steg vor dem dadurch quasi in einem Graben sitzenden HR-Sinfonieorchester. Zwischen Aufnahmegeräten ohne Zahl hatten sie doch Bewegungsfreiheit. Auch wurde der gewaltige Orchesterklang (unbegreiflich, wie die Elektra-Besetzung sonst in einen Orchestergraben passt) glücklich abgedämpft, konnte nämlich strahlen, ohne den Gesang wegzudrücken. Im Gegenteil: Ein Zischen und Flüstern war möglich, eine Artikulation so fein, als würde nicht gesungen, sondern gesprochen. Selbst der Atem der aufs Äußerste angespannten Elektra, war zu hören, wenn Elena Pankratova und der Dirigent es wünschten.

Die Musik wirkte scharf und brüsk, aber nicht im Übermaß zugespitzt, in einem äußerst geschmackvollen Zusammenspiel mit der Szenerie schien sie in ihrer Reinform aufzutreten, einer Reinform, die groß und aufregend genug war. Dazu wurde in Orozco-Estradas heiter lebhaftem, aber akribischem Dirigat sogar der Wohlklang im extremistischen Graus hervorgelockt. Dass es im Werk des Komponisten bekanntlich mit dem „Rosenkavalier“ die Avantgarde brüskierend weiterging, war von hier aus betrachtet kein Wechsel in eine andere Galaxie.

Dem entsprach die Stimme Pankratovas, einer auch in den Höhen meist schönen, mühelosen, weichen Elektra, die dem brutal anspruchsvollen Part eine ungewöhnlich leichte Note gab. Dem entsprach erst recht der herrlich runde, oratorisch milde Bariton Michael Volles, dem melancholischsten aller möglichen Orests. Strauss’ Coup, dem jugendlichen Mörder eine so abgeklärte Lage und Partie zu geben, kam zur vollen Blüte. Die Besetzung, so muss es sein bei einer konzertanten Aufführung, war insgesamt eine Gala. Michaela Schusters Klytämnestra stellte ein Gesamtkunstwerk dar, die große, durchaus schneidende Stimme zu einem Gesicht, in dem sich die mit dem Text auf Bildschirmen eingeblendeten Regieanweisungen minutiös und doch individuell spiegelten. Die zarte Hinwendung zum Grotesken tut „Elektra“ nicht weniger gut als der „Salome“, so handhabte es auch Schade als greller, agiler Aigisth-Tenor.

Allison Oakes, für die erkrankte Simone Schneider eingesprungen, bot eine fast übergroße und imposante Chrysothemis, keine hilflose kleine Schwester, sondern ein Gegenentwurf zu Elektra: Offensiver Egoismus statt selbstzerstörerischer Unerbittlichkeit. Die Schar der Mägde und Diener: stimmlich farbenreich, auch sie unbedingt Teil des grausigen Schauspiels.

Am Ende, Pankratova hat getanzt, Elektra bricht in der Regieanweisung zusammen, blieb praktisch die Zeit stehen.

Im Radio:HR2 Kultur sendet den Mitschnitt am 26. März, 20.04 Uhr.

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