Club Voltaire

Underkarl: Musik und mit der Musik spielen

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Mitten in und aus der Jazzgeschichte – das Quintett Underkarl im Club Voltaire.

In Wirklichkeit befinden wir uns mit dem Quintett Underkarl, das sich nun auch schon seinem 30. Band-Geburtstag nähert, in der nostalgischen Enge und Dickluft des gut gefüllten Frankfurter Club Voltaire mit der kleinen Bühne. Bassist und Bandleader Sebastian Gramss ist kaum zu sehen, Gitarrist Frank Wingold dreht dem Publikum seine linke Seite zu, die Bläser Lömsch Lehmann und Rudi Mahall zeigen dem Saal ihre Vorderseiten und verbergen manchmal ein wenig den Schlagwerker Dirk-Peter Kölsch.

In einer anderen, leicht verschobenen Wirklichkeit befinden wir uns mitten in der Jazz-Geschichte, mit wunderbaren Ausblicken zwischen Miles und dem Duke und Charles Mingus und Ornette Coleman. Underkarl kennt sie alle. Underkarl jongliert mit historischen Bruch- und Versatzstücken, lässt mutwillig Einzelteile fallen und stellt andere für einen Augenblick oder etwas länger glänzend poliert aus oder mit schnarrenden Gebrauchsspuren. Das spielt sich ab auf einem atemberaubend hohen und schmalen Grat zwischen souveränem Scherz und ernsthafter Virtuosität: was die Band tut, ist stets zu annähernd gleichen Anteilen ernst und unernst und einfach umwerfend gekonnt. Und sie amüsiert sich und ihr Publikum bestens.

Nein, es ist nicht ehrenrührig, wenn man im ersten Set die jazzhistorischen Meilenstein-Stücke nicht erkannt hat, die Lömsch Lehmann beiläufig und mit einem leicht ermahnenden „Sie haben es wahrscheinlich alle erkannt“ ins Mikrophon nuschelt. In Wirklichkeit hat Underkarl kein einziges historisch bedeutsames Stück gespielt, sondern aus transkribierten Soli thematisches Material gewonnen und damit die Quellen weitgehend unkenntlich gemacht. Nur gelegentlich kann man Bekanntes erkennen in den rasanten unisono- oder parallel gesetzten Phrasen.

Mit diesem Material und immer wieder anfallenden Nebenher-Zitaten geht es im Sauseschritt vorwärts. Was gespielt wird, fühlt sich an wie eine Sequenz leichthändig ausgeführter Verknetungsprozesse mit eingestreuten Geistesblitzen und funkelnden Splittern. Manchmal steigern sich drei in eine intensiv groovende Trio-Phase oder zwei in ein energetisches, transparentes Duo, häufig gibt es Accelerandi und Tempowechsel.

Bei allem zu Grunde liegenden Kalkül entfaltet die Band eine enorme Spontaneität. Ständig wird etwas auseinandergenommen, und nie vergisst Underkarl, schnellstens etwas Neues zusammenzusetzen. Und immer verschaffen sich die Musiker Gelegenheit, die Mitspieler oder auch sich selbst zu überraschen. Das hat eine starke theatrale Komponente, die als Eigenschaft der gespielten Musik erscheint, ohne dass Bühnenaktion nötig wäre. Underkarl spielt Musik und spielt zugleich mit der Musik.

Am Ende des zweiten Sets, vor den Zugaben, neigt sich die Waagschale vorübergehend dem Ernst zu: „Good Bye, Pork Pie Hat“, eine Art Requiem von Charles Mingus für Lester Young, erklingt, bei aller Gegenwärtigkeit, in unbeschädigtem Balladen-Gewand. Dann wieder ein Wirklichkeits-Wechsel: Zugaben-Späße. Unglaublich.

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