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Christian Brückner trägt Ror Wolf vor im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt.

Alte Oper Frankfurt

Und alle sind sie Musiker

  • vonStefan Michalzik
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Michael Wollny und Christian Brückner beschäftigen sich großartig mit Texten von Ror Wolf.

Worum geht es hier eigentlich? Wenn es eine Frage gibt, mit der den Werken von Ror Wolf nicht beizukommen ist, dann ist es diese. In einem ohne Unterlass fortlaufenden Strom geschehen Dinge, eine Handlung wie auch eine psychologische Zeichnung der Figuren gibt es jedoch nicht. Die Welt unterliegt einem ungeheuren Taumel, fortwährend taucht jemand oder etwas auf oder verschwindet. Einesteils erinnert das an das Wesen von Alpträumen, mit Recht ist zugleich das Wort von der „Sprachmusik“ wie auch jenes vom „Wortkomponisten“ auf den im Februar mit 87 Jahren in Mainz verstorbenen Dichter geprägt worden, der nie spektakuläre Auflagen erreicht hat, doch in jedem Fall zum Kanon der jüngeren deutschsprachigen Literaturgeschichte gehört.

In der Frankfurter Alten Oper haben sich der Jazzpianist Michael Wollny und sein Trio gemeinsam mit dem Schauspieler Christian Brückner mit Texten von Ror Wolf beschäftigt – und das war ein vollwertiger „Ersatz“ für den ursprünglich vorgesehenen Beitrag Wollnys zu dem abgesagten Musikfest um Charles Ives’ Orchesterstück „The Unanswered Question“. In Wollnys Musik – zunächst lange Zeit im Wechsel mit dem Text, später dann treffen sie in einer markant rhythmisch akzentuierten Weise auch unmittelbar aufeinander – geht es um Atmosphären, in einem freien, in Eigenständigkeit korrespondierenden Verhältnis zu den Worten.

Atmosphären, das meint im Tun dieses grandiosen Solistenensembles – mit Wollny sowie dem Bassisten Christian Weber und Eric Schäfer am Schlagzeug – mitnichten etwas hermetisch Weltenthobenes. Da ist viel Arbeit am Klang, momentweise auch immer wieder unbegleitet solistisch, mit gestrichenen Becken, Griffen in den Korpus des Klaviers und perkussiver Behandlung der Saiten des Basses. Und zugleich auch mächtig Furor, mit dynamischen Steigerungen bis zur Entladung, samt Clusterschlägen auf dem Klavier.

Gleich ob als Synchronstimme für Robert de Niro & Co. oder als Großmeister des Hörbuchs – Christian Brückner ist allweil der unverwechselbare Christian-Brückner-Ton eigen, der mit einem gewissen, sagen wir mal: Manierismus des Unprätentiösen verbunden ist – erfreulicherweise jedoch nicht zur Masche verkümmert. Tänzelnd hinter seinem Pult mitunter, wie wenn er beinah in die Texte hineinkriechen würde, trägt er Passagen aus „Die Gefährlichkeit der großen Ebene“ (1976) und „Nachrichten aus der bewohnten Welt“ vor – und so kommen hier, von Wolf über Wollny und sein Trio bis zu Brückner, letztlich sämtlich Musiker zusammen, in einer segensreichen Art.

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