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Total nett: Norah Jones.

Norah Jones´ neues Album

Unaufdringlich

Auf Nora Jones viertem Album "The Fall" sind die Erinnerungen an den modischen Bar-Jazz, mit dem Jones zum gern gehörtem Gast auf Dinner-Partys wurde, getilgt. Die lauwarme Temperatur aber bleibt.

Von Thomas Winkler

Haben Sie letztens die Cocktail-Gläser nervös klirren gehört? Als Ihr Freund, der erfolgreiche Steueranwalt, und Ihre Freundin, die erfolgreiche Politikberaterin, nach dem Gespräch über den Einsatz eines Golfschlägers und der Diskussion über die aktuelle Sinnhaftigkeit des Erwerbs von Optionsscheinen auf Norah Jones zu sprechen kamen?

Und Ihr Freund, der erfolgreiche Paartherapeut, beizutragen hatte, dass er in seiner Lifestyle-Zeitschrift gelesen habe, die Sängerin, deren zartschmelzende Stimme gerade das Dessert des stilvollen Abendessens auf der Terasse ihres Town Houses beschallte, habe sich zu einem radikalen Stilwechsel entschlossen und wolle nur noch Rockmusik machen?

Aber keine Angst ums Geschirr. Angesichts von Jones´ viertem Album darf erst einmal Entwarnung gegeben werden. Auf "The Fall" sind zwar tatsächlich weitgehend alle Erinnerungen an den modischen Bar-Jazz, mit dem Jones zum weltweit gern gesehenen Gast auf Dinner-Partys wurde, getilgt. Aber die lauwarme Temperatur, die die Songs von Jones zur perfekten Soundtapete beförderten, bildet auch auf "The Fall" die grundsätzliche Stimmungslage.

Dass nach 36 Millionen verkaufter Platten solch böse Gerüchte entstehen konnten, lag vor allem daran, dass die mittlerweile 30-jährige Jones ihre musikalischen Zuarbeiter und auch noch ihr Instrument wechselte. Zum ersten Mal komponierte die New Yorkerin ihre Songs vornehmlich an der Gitarre und ließ auch für die Aufnahmen ihr bisheriges Stamminstrument, das Klavier, weitgehend unberührt.

Vorher hatte sie sich bereits von ihrem langjährigen Lebensgefährten und Bassisten Lee Alexander und dann auch noch vom Rest ihrer Band getrennt. Stattdessen engagierte sie als neuen Produzenten Jacquire King, der bislang für Tom Waits, die Kings of Leon oder Modest Mouse gearbeitet hatte. Mit ihm rekrutierte sie Musiker, die zuvor für Beck, R.E.M, Johnny Cash oder Joe Strummer gespielt hatten. Als Ko-Autoren wurden der Vorzeige-Outlaw Ryan Adams und Will Sheff von der texanischen Rootsrock-Band Okkervil River verpflichtet.

Money, honey, funny

Diese illustre Besetzung ist zwar demonstrativ weit entfernt von Jones´ Jazz-Wurzeln, weiß aber trotzdem sehr gut, wie man eine atmosphärisch unaufdringliche Soundlandschaft kreiert. Ob die erste Single "Chasing Pirates", die doch tatsächlich von einem elektronischen Rhythmus unterlegt ist; ob "Light as A Feather", ein Americana-Song mit angemessen angestaubter Stimmungslage; oder "You´ve Ruined Me Now", die Country-Ballade mit glockenhellen E-Piano: Die Genres mögen, zum Teil zumindest, neu sein im Repertoire von Jones, aber die Umsetzung ist so unverbindlich und ohne Widerhaken, dass sie sie sich widerspruchslos in ihr bisheriges Oeuvre fügen.

Dieses Kunststück gelingt den versierten Musikanten selbst mit gewöhnlich eher sperrigen Stilen: "It´s Gonna Be" ist zwar fast schon ein Bluesrock und hat zudem noch einen launigen Text, in dem sich "money" auf "honey" und "funny" reimt, und durch "Stuck" lärmt doch tatsächlich ein vergleichsweise fieses E-Gitarren-Solo.

Aber dass sich Jones, wie sie enthüllte, vor allem von "Mule Variations" von Tom Waits inspiriert gefühlt hatte, das ist lange nicht zu hören. Erst das ganz am Ende des Albums versteckte "Man of The Hour", ein stolpernder, zerbrechlicher Vokal-Jazz, ist nicht nur das schönste Stück von "The Fall", sondern kommt dieser ursprünglichen Intention tatsächlich einigermaßen nahe.

Wirkliche Experimente sind womöglich zu erwarten von den bei den Beastie Boys oder Santigold in Auftrag gegebenen und demnächst erscheinenden Remixen einzelner Songs. Die angedrohte Mutation zur Möchtegern-Rockröhre allerdings ist einigermaßen entschieden nur zu hören in Live-Versionen einiger der neuen Stücke, mit denen die Deluxe-Version des Albums aufwartet. Hier traut sich auch mal eine schiefe Gitarre aus der Deckung und Jones wagt es, ihrer Stimme die eine oder andere Scharte zuzumuten

Aber mit CD Nummer Eins braucht niemand um den Fortgang der wirklich wichtigen Gespräche beim nächsten gemütlichen, vielleicht lagerfeuerhellen Beisammensein zu fürchten.

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