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My Ugly Clementine. 

Album

My Ugly Clementine: „Vitamin C“ – Bloß weil ich kleinere Hände habe ...

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Klare Ansagen, Grunge und Girlgroup-Melancholie: My Ugly Clementine aus Österreich.

Altmodischer geht es nicht mehr. Schadet aber nichts. My Ugly Clementine, die durchweg weiblich besetzte englischsprachige „Supergroup“ aus Wien, bewegt sich auf den Spuren des College-Rocks und der Post-Punk-Zeit Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre – und das mit Unbeschwertheit und Frische. Gegründet wurde das Quartett am Valentinstag vergangenen Jahres. Schnell erspielte sich die Band einen Ruf mit ihren Konzerten; nun liegt das erste Album, „Vitamin C“, vor. Auf Vinyllänge von etwas unter vierzig Minuten besticht es durch grandiose Songs von klassischem Zuschnitt.

„Vitamin C“ – das steht dem Bekunden der Band zufolge als Metapher für weibliche Selbstermächtigung. Das Wort „Konzeptalbum“ wäre angesichts der lockeren Ausstrahlung der Songs zwischen Anklängen an den Grunge wie auch die Melancholie der Girlgroups in den sechziger Jahren zu bleiern. Tatsächlich allerdings ist es eine Untersuchung des Stands der Dinge zwischen den Geschlechtern aus den unterschiedlichsten Perspektiven, die sich als Motiv durch sämtliche neun Songs zieht.

Das Album

My Ugly Clementine: Vitamin C. Ink Music/Rough Trade/GoodToGo.

„Just because I have smaller hands“, heißt es gleich zu Beginn in der basswummrigen Nummer „Playground“, „doesn’t mean I can’t do what my male friends can“. Bloß weil ich kleinere Hände habe, bedeutet das nicht, dass ich nicht das gleiche tun kann wie meine männlichen Freunde. Ist doch gleich mal eine unmissverständliche Ansage, beiläufig garniert mit dem Verweis auf den Umstand, dass der Playground, der Spielplatz, nicht von Männern gesäumt war. „My Funny Valentine“ heißt der Rodgers/Hart-Standard aus dem Great American Songbook, den die Band mit ihrem Namen paraphrasiert – dabei ist sie gewiss offen für Assoziationen auch hin zu den Shoegazern von My Bloody Valentine.

Denn die gehören mit zum pophistorischen Bezugsrahmen, in dem sich das Quartett um die sämtlich bereits anderweitig engagierte Musikerinnen aus der Wiener Szene bewegt. Mit prägend ist die Laut-leise-Dynamik des Grunges. Die Initiative ist von Sophie Lindinger ausgegangen, die einige Songs geschrieben hatte, die ihr für ihr triphopnahes Elektroduo Leyya nicht so geeignet zu sein schienen. Die Elektronik bleibt bei My Ugly Clementine außen vor, es handelt sich um eine erzklassische Gitarrenband, mit einem mächtigen Schuss Popappeal, des weiteren besetzt mit der Gitarristin Mira Lu Kovacs (Schmieds Puls) sowie Kathrin Kolleritsch (Kerosin95, zuvor bei Kaiko) am Schlagzeug und der Gitarristin Nastasja Ronck (Lucid Kid). Lindinger spielt Bass, der Gesangspart geht von Song zu Song reihum. Ist schließlich eine All-Star-Band.

Bei allem Popappeal – der makellose Wohlklang ist programmatisch ausgeschlossen. Die äußerst gelungene Produktion von Sophie Lindinger ist moderat rumpelig, unter Betonung der fundamentalen Rolle des Basses. Im Übrigen rufen auch My Ugly Clementine angesichts einer heiklen Situation wegen abgesagter Konzertauftritte dazu auf, man möge ihr Album als Tonträger erwerben, denn damit fahren die Musikerinnen und Musiker wie auch ihre Labels ökonomisch nach wie vor am besten – und die lokalen Plattenhändler, die Bestellungen via Internet annehmen, selbstredend desgleichen.

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