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Ludovic Tézier, hinten Maria Prinz.

Liederabend

Übergroßes Weh, zarte Seufzer

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Ein kraftvoller Liederabend mit dem Bariton Ludovic Tézier an der Frankfurter Oper.

Der Bariton Ludovic Tézier gehörte jetzt zu jenen Liederabendgästen in der Oper Frankfurt, die deutlich von der Bühne kommen, nicht aus dem Konzertsaal. Jedoch warf sich der Franzose nach einem Anlauf in der Muttersprache mutig in die Mitte der deutschen Romantik, sang Lieder von Robert Schumann und Franz Schubert, die er nicht aus einem Winkel zog, vielmehr waren es Evergreens wie „In der Fremde“ und „Mondnacht“, „Ständchen“ und „Erlkönig“. Etwas langsamer als gewohnt, mit einer den Raum gelegentlich sprengenden Wucht, aber nicht direkt behäbig.

Es war ein großes Erlebnis zu hören, wie eine so durchschlagskräftige, charakteristische Stimme sich in Konzertfinessen versuchte, einer Situation, in der sich kein schlieriger Übergang verstecken kann, kein zum „ä“ werdendes „e“. Téziers angenehmer Bariton ist zudem dunkel timbriert, auch setzte er höhere und leisere Töne extrem vorsichtig an, was vielleicht den Eindruck einer gebändigten Wucht verstärkte. Umso schöner die Wirkung, etwa im übersensitiven „An die Musik“, im sehr getragenen, vor Unglück geradezu rezitierend behandelten „Ich hab im Traum geweinet“. Oder wenn sich das „übergroße Weh“ in der zweiten Strophe von „Hör ich das Liedchen klingen“ in Weich- und Zartheit auflöste.

Enormes Großformat hingegen im „Erlkönig“, der sich zeitweise zu vergaloppieren schien und verhältnismäßig wenig Rollenspiel bot. Die Pianistin Maria Prinz war dabei eine wunderbar vorsichtige, aufmerksam ihren Sänger stets im Blick behaltende Begleiterin.

Vor der Pause gab es eine Auswahl von Gabriel Fauré, Hector Berlioz und – ebenfalls auf französische Texte – Franz Liszt, weitgehend elegant und manchmal eine Spur unverbindlich vorgetragen. Dabei stehen Tézier profunder Witz und Beweglichkeit zur Verfügung, wie sich hinreißend beispielsweise gegen Ende von Berlioz’ „Unbekannter Insel“ zeigte. Direkt nach der Pause begann er mit einigen Mozart-Liedern, darunter das gegen Ende reizvoll angeraute „Lied der Trennung“ und das eines Don Giovanni würdige Ständchen „Komm, liebe Zither, komm“.

Tézier scheint nicht übermäßig viele Liederabende zu geben, insofern konnte man immer wieder auch darüber staunen, wie gut er zurechtkam. Aber wie viele Bühnenstars war er in den hinteren Zugaben doch ganz bei sich selbst. Brauchte keinen Notenständer und keine Brille mehr, saß nicht mehr halb auf einem hohen Stuhl (wozu er gewiss gute Gründe hat, aber ungewohnt ist es trotzdem), sondern stand entspannt im Raum und sang erst Don Giovannis „Feinsliebchen, komm ans Fenster“ und anschließend Wolframs „Lied an den Abendstern“. Der Opernsänger konnte seine Wandlungsfähigkeit – hier der Leichtsinnspinsel, dort die abgeklärte Sanftheit in Person – binnen Minuten vollständig unter Beweis stellen.

Als Rigoletto ist Tézier zweimal am
Staatstheater Wiesbaden angekündigt,
bei den Maifestspielen am 31. Mai und
noch einmal am 21. Juni.

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