Alte Oper

Über richtiges Erinnern

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Hugh Wolff und das HR-Sinfonieorchester in der Alten Oper Frankfurt.

Hugh Wolff hat in Frankfurt eine stabile Anhängerschaft. Mit herzlichem Beifall wurde der ehemalige Chefdirigent als Gastdirigent der HR-Sinfoniekonzerte in der Alten Oper begrüßt, begleitet und verabschiedet, und er revanchierte sich mit den Orchesterleiter-Tugenden, die ihn hier so beliebt gemacht haben.

Das Programm war skandinavisch akzentuiert und gerahmt. Die Orchesterkomposition "False Memories" des Finnen Jukka Tiensuu, entstanden im Auftrag des europäischen Orchesternetzwerkes und jetzt in deutscher Erstaufführung zu erleben, ist ein dreisätziges Werk von großer gedanklicher Prägnanz. Die Sätze "Review", "Nostalgy" und "Trauma" bearbeiten systematisch ihre thematischen Materialien: Der erste Satz arbeitet mit kunstvollen Echoeffekten, besonders mit zwei im akustischen Raum links und rechts positionierten Trompeten, wobei zwischen Klang und Widerklang oft nur Sekundenbruchteile vergehen. Das führt zu interessanten Überlagerungen und eher zu einer kopfschüttelnden Frage an die Verlässlichkeit von Erinnerung als zu raumfüllendem Echokitsch. Der zweite Satz kommt mit ereignisarmen, glissandierenden Schwebeklängen und mikrotonalen Reibungen daher und schafft mit klaren Mitteln ein sich stark verunklarendes Bild. Der dritte Satz gruppiert sich nervös und bebend um ein Schlagwerk-Duell, das seinerseits wie eine Vorwegnahme von Carl Nielsens fast gewalttätigem Schlagwerk-Einsatz in seiner vierten Sinfonie wirkte.

In seinem Element

Die bildete nach der Pause den eigentlichen Schwerpunkt. Nielsen hat in dem 1916 uraufgeführten Werk seinen Blick auf die Erfahrung des Ersten Weltkriegs gestaltet. Stilistisch handelt es sich um einen romantisch konterkarierten und konstruktivistisch gebremsten Expressionismus, und das HR-Sinfonieorchester war hier in seinem Element: bei aller Heftigkeit immer in der Lage, feineren Impulsen und Mehrschichtigkeiten gehörigen Raum zu geben und so ein Werk zu gestalten, das aus einer länger zurück liegenden Zeitenwende heraus einen Kommentar gibt zu einer universal gewordenen Krise. Am Ende windet sich pointiert das "Motiv des Lebens" aus den düsteren Verhältnissen und macht sich zum zentralen Gedanken des Werks.

Wie zur Erholung war zwischen die Skandinavier Mendelssohn Bartholdys erstes Klavierkonzert gesetzt, das Wolff mit dem Pianisten Stephen Hough als Rückblick ohne falschen Einschlag interpretierte. Solist und Orchester haben hier gleiche Rechte, nehmen einander wohl auf, achten aufeinander. Dass dabei nicht Idylle erklang, sondern bewegter Austausch und tiefschürfende Emotionsarbeit, war Houghs souverän subjektivistischer Interpretation und der wundervollen Elastizität des HR-Sinfonieorchesters unter Hugh Wolff zu verdanken.

Im Radio:

3. Februar, 20.05 Uhr, hr 2-Kultur.

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