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Carla Bley.

Carla Bley 80

Über den nächsten Hügel

Die US-Amerikanerin Carla Bley, die größte Komponistin des zeitgenössischen Jazz, wird am heutigen Mittwoch 80 Jahre alt.

Von Hans-Jürgen Linke

Die Gattungsbezeichnung „Oper“ war ein privater Code zwischen dem Dichter Paul Haines und der Komponistin Carla Bley, geborene Borg. Korrekter kam beiden das Wort „Chronotransduktion“ vor, das sich aber als „Oper“ wunderbar abkürzen ließ. So ist „Escalator Over The Hill“, Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger in einem verwickelten Produktions- und Einspiel-Prozess entstanden, das immer noch einzige nennenswerte Exemplar der hybriden Gattung „Jazzoper“.

Sollte man Carla Bley den Titel einer Jazzkomponistin geben? Unbedingt. Zumal sie selbst von sich gesagt hat: „Ich bin Komponistin, und ich arbeite mit Jazzmusikern, weil sie besser sind. Sie spielen besser, sie sind schlauer, und sie können dir in unangenehmen Situationen den Arsch retten. Ich brauche jede Hilfe, die ich kriegen kann.“ Carla Bley, geboren am 11. Mai 1936 in Oakland, Kalifornien, gehört als Komponistin zu den widersprüchlichsten, eigensinnigsten und wunderbarsten Figuren des internationalen Free Jazz. Seit etlichen Jahren behauptet sie sich auch als Pianistin im Trio mit Steve Swallow und Andy Sheppard ganz ordentlich.

Sie hatte früh Klavier- und Gesangs-Unterricht, verließ, noch jugendlich, ihr religiös geprägtes Elternhaus und ging nach New York. Sie lernte als Zigarettenverkäuferin im legendären Birdland den Pianisten Paul Bley kennen, den sie 1957 heiratete und dessen Namen sie über ihre Ehen und Scheidungen hinweg behielt.

Paul Bley ermutigte sie zum Komponieren, und bald spielten Giganten wie Pharoah Sanders ihre Musik. In den Sechzigern gehörte sie zum Kreis der Musiker, die 1964 die von Bill Dixon so genannte „october revolution in jazz“ organisierten; es entstanden die Jazz Composers’ Guild, das Jazz Composers’ Orchestra und ein Non-Profit-Schallplattenlabel – modellhaft und zukunftsweisend, aber nicht sehr langlebig.

Als Komponistin, von Kurt Weill beeinflusst, bevorzugte Carla Bley Ensembles, die im Jazz „Orchester“, sonst eher „Bigband“ heißen. Zunehmend schrieb sie auch für kleinere Formationen und spielte immer öfter selbst mit. Ihren Ruhm prägten jedoch, neben der Hybrid-Oper, vor allem Stücke für Charlie Hadens Liberation Music Orchestra, das 1969 in Reaktion auf den Vietnamkrieg eine LP einspielte, auf der Eislers Einheitsfrontlied, Lieder aus dem Spanischen Bürgerkrieg und ein Song For Ché enthalten sind. 2004/5 ging das Orchestra noch einmal auf Tournee mit dem Programm „Not in Our Name“ in Reaktion auf George W. Bush.

Carla Bley hat bei dem Label Watt Dutzende von höchst individuellen Schallplatten und CDs eingespielt; neuerdings lässt sie ihre Musik von Manfred Eicher und der Münchner ECM produzieren. Ihren heutigen 80. Geburtstag wird sie vielleicht feiern, bestimmt aber so weit möglich ignorieren. Die originale Besetzungsliste ihrer kaum je aufgeführten Jazz-Oper, in der Namen wie Charlie Haden, Jack Bruce, Paul Motian oder Gato Barbieri stehen, liest sich heute fast schon wie die Inschrift auf einem Denkmal. Carla Bley aber ist noch da. Demnächst realisiert sie beim NDR ein Projekt für Bigband und Knabenchor, im Oktober ist sie auf Trio-Tournee in Westeuropa unterwegs. Die Musik geht weiter, über den nächsten Hügel.

Soeben herausgekommen: Carla Bley/Andy Sheppard / Steve Swallow: Andando el Tiempo. ECM / Universal.

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