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Udo Lindenberg mit „Udopium Live“ in Frankfurt: Schicksalsklänge

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Von: Marcus Hladek

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Endlich geht’s weiter: Udo Lindenberg beim Tourstart in Schwerin.
Endlich geht’s weiter: Udo Lindenberg beim Tourstart in Schwerin. © dpa

Große Show, große Gefühle: „Udopium Live“ in der Frankfurter Festhalle.

Armer Udo. Hockt er da im Hamburger Atlantic-Hotel, seinem Dauerwohnsitz auch mitten in der Covid-Pandemie, streift verloren durch die leeren Gänge und denkt, was sonst: an Stanley Kubricks Film „Shining“. Gute Geister, böse Geister... Flaschengeister. Udo Lindenbergs langer Bühnen-Entzug endete vor Tagen in Schwerin, wo seine neue Tour, Udopium Live 2022, endlich! losging und über Stuttgart nach Frankfurt zog. Zehn Städte mit zwanzig plus Konzerten folgen bis in den Juli.

Wer sich Sorgen um den Mann mit Hut macht, darf jetzt aufatmen. Schlank und fit wie Micks Turnschuh höchstderoselbst, war uns’ Udo bald noch viel mehr zuzutrauen als das ausverkaufte „Udopium“-Restprogramm. Menschen altern ungleich schnell (Udo ist 76): man denke an den armen Boris B., der in dieser Festhalle einst das ATP-WM-Finale gewann und heute im Gefängnis Ihrer Majestät zu London seinen Bluthochdruck kuriert. Dagegen wirkt Udo wie ein Yogalehrer.

Lindenberg liebt die große Show, diesmal mit animiertem Düsenflieger. Hätte glatt eine 737 Max sein können, weil erheblich vom Weg abgekommen. Die Maschine flog aus dem All auf unseren blauen Planeten – physikalisch zweifelhaft, aber wen schert’s. Unter Schicksalsklängen setzte die Boeing Udo per Landefähre ab, begleitet von hochhackigen Glitzer-Astronautinnen in Rot und Blond, um nur zwei der rund vierzig Menschen auf der Bühne zu nennen, die den Abend bestritten.

Echter Schick beim Personal

Das Panikorchester vertraten etwa Steffi Stephan an der Bassgitarre, Jean-Jacques Kravetz am Klavier, der kaum schlagzeugende Schlagzeuger Bertram Engel, Gitarrist Jörg Sander, weitere Gitarren und rund vier Blechbläserinnen: echter Gaddafi-Schick beim Personal. Gitarristin Carola Kretschmer war auch dabei.

Weiter ging’s per „Honky Tonky Show“ und mit dem ersten Auftritt eines Dutzends kleiner Udo-Klone als Chor, die bei „Wozu sind Kriege da?“ erneut aktiv werden sollten, am Ende der Show dann mit einem Mini-Darth-Vader. Zunächst triumphierte noch die helle Seite der Macht, sei es dass Udo unter Projektion seiner Zeichnungen und diverser Anime-Filmbilder mit „Mein Ding“ auf Sinatra machte, sei es dass er sich zum Liebeslied „Cello“ einen Haufen sexy Cellistinnen in Weiß mit halben Celli auf die Bühne fantasierte. Dann die „Shining“-Sache per Ansage auf „Durch die schweren Zeiten“ im Nebel, bevor er sich wieder der Liebe zuwandte („Du knallst in mein Leben“).

Ist Lindenberg katholisch? Das würde sein Interesse am kirchlichen Teil der Missbrauchsskandale und seinem Toleranzedikt „Na und?!“ erklären, begleitet vom 3D-Abbild einer Kirchenglocke plus Kathedrale sowie Ministrantenchor, Fake-Kardinälen und Nonnen, die ihre Habite und Ritualgewänder abwarfen und in Glitzerleibchen als Gogo-Tänzerinnen agierten. Udos Message („Fahrt unsere schöne katholische Kirche nicht so an die Wand“) kam da eher halbseiden rüber. Auf, laut öffentlicher Meinung, Gefallene treten: unfein?

Obendrauf gab’s zwei Posten Pazifismus und die „Bunte Republik“, bevor Udo nach dem „Kompass“ griff und sich dem nächsten Teufelspakt zuwandte („Der neue Deal“). Mit „Jonny Kontrolletti“ schloss sich eine vermeintliche Zugabe an, schließlich war das Publikum schon völlig aus dem Häuschen. Pustekuchen! Die Zugaben wurden zum Opernsterben-Medley: im Sonderzug nach Pankow, auf der Andrea Doria zu Candy Jane, Boarding in der Panik 1 und weiter durch die Reeperbahn nach Eldorado zum letzten „Goodbye, Sailor“. Songs als Test-Sterben?

Udo Lindenberg jedenfalls durchschritt eine Zehnerriege auch schon wieder sexy Paginnen, die wohl sein Wunsch-Jenseits zeigten. Seine Verstirnung, empor zu den Göttern: Schön, das erlebt zu haben!

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