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Hannes Wader, hier bei einer Echo-Verleihung in Berlin.

Abschiedstour

Ein Tschüss mit "Bella Ciao"

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Nie wieder unterwegs: Hannes Wader verabschiedet sich im Berliner Tempodrom vom Tourneeleben.

Ein bisschen Trotz muss mit dabei sein, als Hannes Wader um kurz nach 20 Uhr die Bühne des voll besetzten Berliner Tempodroms betritt. Mit behäbigem, aber festem Schritt, ein Mann und seine Gitarre, ohne Begleitband und ohne Showzinnober. Sechs helle Lichtkegel schießen unter das spitz zulaufende Dach des Kreuzberger Konzerthauses, als gelte es, Geradlinigkeit zu symbolisieren. Waders seit jeher etwas nasal klingende Stimme ist brüchiger geworden, aber immer noch rund und klar, als er sich erst einmal eingesungen hat. Von der Statur her – und inzwischen auch vom Alter – wirkt er wie Pete Seeger, der große alte Mann des amerikanischen Folk, der Bob Dylan zum Abtrünnigen erklärt hat, nachdem dieser seine Songs beim Newport Folk Festival 1965 unter Strom gesetzt hatte.

Ein paar Jahre später begann Hannes Wader so erfolgreich wie kein anderer, die Folktraditionen ins Deutsche hinüberzuzotteln. „Heute hier, morgen dort“ stand beinahe programmatisch am Anfang des Berliner Konzerts, das, so hat es der Sänger beschlossen, den Abschluss seines langen Tourneelebens bilden soll. Er hat Tournee gesagt, weitere gelegentliche Bühnenpräsenz ist also nicht ausgeschlossen. Fit genug dafür wirkt der 75-Jährige jedenfalls. „Heute hier, morgen dort“ ist nicht nur Waders bekanntestes Lied, es ist auch eine Art Verschmelzung des Folk mit dem deutschen Volkslied, die seither tief im kulturellen Gedächtnis verankert ist. Der ungebundene Hobo, der nirgends so recht zu Hause ist, verkörperte das Gefühl eines gesellschaftlichen Aufbruchs, der noch nicht auf der Suche nach einem revolutionären Subjekt war. Waders Typen wollten nach Süden ans Meer, verschwanden für ein paar Jahre und waren wieder da, als schon niemand mehr mit ihnen gerechnet hatte.

Es ist ein Liederabend, der quer durch ein Lebenswerk geht, und der Künstler nimmt sich das Recht, sich selbst zu zitieren. Sehr zum Gefallen der Besucher, die, ab 55 Jahren aufwärts, bereitwillig die Reise zurück antreten, in eine Zeit, in der man mit Wader noch jung war.

Es scheint den meisten nichts auszumachen, dass sich schnell das Gefühl eines seltsamen Stillstands einstellt. Wader singt von Schwestern und Brüdern, schildert „Begegnungen“ und erweitert den Liederabend ins Kulturhistorische, so wie er es im Verlauf seiner langen Karriere getan hat, als er sich kapitelweise der deutschen Liedtradition zuwandte – Volkslieder, Freiheitslieder, Arbeiterlieder. Auf die „Moorsoldaten“ folgt Adalbert Harnischs „Bürgerlied“: „Tun wir, tun wir was dazu“.

Im Verlauf des Abends wird auch klar, warum viele sich irgendwann von dem Sänger abkehrten, der für einige Zeit eine Art politischer Anführer der Liedermacherbewegung war. Eine Spur von Selbstironie verwendet Hannes Wader allenfalls auf die Prozesse des Alterns, nicht aber auf seinen Drang zur Welterklärung, die in dem Stück „Da, wo ich herkomme“ in eine verquast klassenkämpferische Position mündet, die wenig mit den Fliehkräften zu tun hat, die die Gesellschaft heute tatsächlich durchziehen. Immerhin ist Wader nicht entgangen, dass seine Parodie auf „Ankes Bioladen“ heute kaum mehr ist als ein historisches Lied.

Das Publikum ist aber ganz bei ihm, Szenenapplaus stützt sein Fingerpicking insbesondere zu jenen Melodien, aus denen eisern pazifistische Botschaften heraustönen. Junge Menschen sterben früh in Hannes Waders Liedern, als müssten sie für die pathetische Friedensbotschaft zuvor einen qualvoll-beispielhaften Opfertod erlitten haben – „Auch dich haben sie schon genauso belogen, wie sie es heute immer noch tun.“

Am Ende sind es die großen linken Hymnen, „Bella Ciao“ und „Sag mir, wo die Blumen sind“, die dem Mann mit der Gitarre einen Hauch von Unsterblichkeit verleihen. Der Volkssänger Hannes Wader ist Geschichte, trotz alledem und alledem.

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