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Sol Gabetta unter den Tschechischen Philharmonikern, Jakub Hrusa dirigiert in der Alten Oper Frankfurt.

Alte Oper

Die Tschechische Philharmonie mit Sol Gabetta in Frankfurt: Sinnend und singend.

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Die Tschechische Philharmonie unter Jakub Hrusa und mit Sol Gabetta spielen Janácek, Suk und Dvorák in der Alten Oper Frankfurt.

Eigentlich hätte nur noch eine Zugabe à la „Die Moldau“ gefehlt, um das Klischeehafte eines Auftritts der Tschechischen Philharmonie vollkommen zu machen. Drei Werke hatte das 1896 gegründete, zur „nationalen Identität“ der aus dem Habsburgerreich hervorgegangenen Republik gehörende Orchester im Gepäck bei seinem Pro-Arte-Gastspiel in der Alten Oper Frankfurt. Werke, die ihrerseits zur ästhetischen „corporate identity“ des Landes zählen: Janácek, Suk, Dvorák.

Der Säulenheilige zu Beginn

Zumindest in der typischerweise bei solchen Namen stattfindenden Programmfolge wurde vom Schema abgewichen, denn der Säulenheilige unter den dreien erklang zu Beginn des Abends: das h-Moll-Cellokonzert Antonín Dvoráks, in dem Sol Gabetta den Solopart spielte. Die tschechischen Philharmoniker hatten unter ihrem Ersten Gastdirigenten Jakub Hruša, der auch Chef der Bamberger Symphoniker ist, einen die einzelnen Stimmen beweglich haltenden Duktus mit recht deftigen Forte-Passagen vorgelegt. In ihn fügte sich der parlierende Ton des Cellos gut und auch kontrastiv ein. In der lyrischen Rückzugszone im mittleren Teil des ersten Satzes wie auch in vielen Momenten des zweiten kamen ruhige, sinnende und singende Resultate zustande.

Gabettas schlanker, nicht druckstarker und doch plastischer Ton war ständig präsent und machte dank der Begeisterung des Publikums eine Zugabe fällig, die den einzigen nicht-autochthonen Beitrag des Abends darstellte (nimmt man die aus Argentinien stammende Solistin selber einmal aus). „Dolcissimo“, eine Petitesse des 1946 geborenen lettischen Komponisten Peteris Vasks, in der auch die physische Stimme der Musikerin zum Einsatz kommt: ihrem Celloton durchaus ebenbürtig mit ähnlichem Habitus.

Josef Suk, Schwiegersohn Dvoráks, hat sich sukzessive aus dem Dunstkreis des angeheirateten Verwandten entfernt und stand bei seinem „Scherzo fantastique“ von 1903 gewissermaßen an der Grenzlinie zu neuen Tongefilden. Die einfältige Scherzo-Munterkeit hatte in den Prager Musikern engagierte Vermittler – nicht musikantisch bieder und auch nicht knallend.

Blendend dann „Taras Bulba“ – Rhapsodie für Orchester von Leoš Janácek. Zwischen 1915 und 1918 entstandenes Klangbild einer Erzählung Nikolai Gogols, die sich auf eine ukrainische Befreiungslegende aus dem 17. Jahrhundert bezieht. Ein Kampf gegen fremdländische Oberhoheit mit Niederlagen sowie individuellen Liebes- und Autoritätsproblemen. Der erst in hohem Alter zu einem jugendlich wirkenden, unkonventionellen Ton findende Künstler hat da ein klingendes Manifest der Nationenbefreiung geschaffen, in dem die herbe und raue Setz- und Schnitttechnik seines Komponierens eine beißende Ausdruckskraft erfährt.

Weniger nervös und turbulent als hart und wuchtig kamen jetzt die niederschlagenden und hymnisch aufsteigenden Bewegungen zusammen. Hohe Dichte und drängende Empathie – und keine Zugabe.

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